Abenteuer Indonesien – Teil 3

4. Tag: Netzwerken, Indonesisch lernen und endlich Vokabelhefte

Die Nacht war schon wieder ziemlich unruhig. Nachdem ich von zu Hause einen Anruf von D. bekommen habe, war ich hellwach und das bis halb vier Uhr morgens. Das Hörbuch war aber auch zu spannend… Morgens dann erstmal frühstücken. Das heißt hier: gebratener Reis mit Knobi &Chili (kein Plan, was da sonst noch dran kommt) oder Toast mit Schokostreuseln (seit der Kindheit nicht mehr gehabt, schmeckt aber auch nicht mehr so gut) oder dem was die hier Marmelade nennen. Das Beste ist immer noch das Obst und selbstverständlich Indocafe Coffeemix, den besten Kaffee, den man hier bekommt.

Als wir an der Uni ankommen, laufen uns zufällig schon Arsi und Dani über den Weg. Das werden am Projektort unsere Mitarbeiterinnen sein, und sie sind wirklich sehr nett. Wir setzen uns mit ihnen in das Uni-Cafe und erzählen, was wir die Tage vorhaben. Jedesmal, wenn sie unsicher sind, kichern sie mit vorgehaltener Hand. R. M. ist immer nur montags und dienstags da, deswegen verschieben wir unser Gespräch mit ihm und gehen stattdessen gleich zur Bachelor-Ehrung.

Viele stolze Eltern sind gekommen, in ihren besten (und teilweise kitschigsten Klamotten) um ihre Kinder an diesem Tag zu unterstützen. Die Absolventen tragen diese Hüte, die man von den amerikanischen Unis kennt, nur ist der Hut fünfeckig. Jeder wird auf einer Leinwand per Beamer mit Namen, Geburtsdatum, Studiendauer, Fachgebiet und Abschlussnote einzeln vorgestellt – die Besten zuerst und dann die Anderen (blöd für die Anderen). Zunächst wird die Nationalhymne von den Absolventen gesungen, danach die Unihymne. Sie bekommen eine Medaille und manche auch Abzeichen als besondere Ehre. Der Jahrgangsbeste Anggit kommt aus dem ersten Pilotdorf unseres Projekts. Für ihn ist die Ritter Sport Schokolade, die ich besorgen sollte. Er hat es auch besonders schwer. Da er ein Einzelkind ist und gleichzeitig die Rentenversicherung seiner Eltern, wird er irgendwann für ihren Unterhalt sorgen müssen. Eine große Last liegt also auf seinen Schultern. Sein Abschluss ist so herausragend, dass er dreimal alleine auf die Bühne kommen muss und besonders geehrt wird. Mit seinen 22 Jahren merkt man ihm seine Verunsicherung stark an und dann sind da auch noch die drei Bules (Weiße), die ihm dabei applaudieren….Er ist ganz demütig, und es ist ihm, als jemandem aus einem so kleinem Dorf mitten in der Peripherie, total unheimlich, dass plötzlich so ein Aufhebens um seine Person gemacht wird – voll süß. Anggit möchte seinen Master in Deutschland machen. Doch dafür muss er erst einmal einen ziemlich harten Deutsch- oder Englischtest bestehen, den vielleicht viele von uns auch nicht erfolgreich absolvieren könnten – ungerechte Welt oder besser ungerechte Menschheit.

Lange Ansprachen von Dozenten und dem Dekan folgen – gähn… Was aber sehr beeindruckend in sozialer Hinsicht ist, war das Angebot des Dekans an die Eltern, dass wenn ihre Kinder keinen Job fänden, sie zu ihm kommen könnten (oder eine SMS schreiben) und er würde sich dann der Sache annehmen und helfen. Sowas müsste es bei uns einmal geben. Da sieht man mal wieder, dass die technische Entwicklung nicht alles ist, sondern das die soziale immer dazu gehört.

Im einzigen Schreibwarenladen in Yogya erstehen wir dann endlich die ersehnten Vokabelhefte und bekommen kurz darauf in einem kleinen Imbiss in einer engen Seitengasse, die ersten Indonesisch-Lektionen von M. Die Zahlen von eins bis eine Mio. und sagen können, was man zu essen oder trinken hatte. Sofort wenden wir unsere neuen Kenntnisse an und alles funktioniert auch glatt, hehe…

Dann die Rückfahrt während der Rushhour in Yogya, und ich bin wirklich überrascht, wie schnell ich mich an den zuerst chaotisch wirkenden Verkehr gewöhnt habe. Die Regeln sind eigentlich ganz einfach: der Stärkere (LKWs und Autos) hat immer Vorfahrt. Wenn man an einer Kreuzung nach rechts abbiegen will, immer erst warten, bis noch ein paar andere Mopedfahrer sich mit dir zusammen schließen, die auch da lang wollen und dann Stück für Stück vortasten. Der Verkehr regelt sich hier selbst. Mit ein bisschen gesundem Menschenverstand läuft hier alles prima. Unfälle sind, wenn überhaupt, nicht häufiger als in Deutschland. Krankenwagen habe ich hier noch keine gesehen (und das nicht, weil es hier keine gibt). Ansonsten passt hier eigentlich jeder darauf auf, was derjenige macht, der vor ihm fährt und kündigt sich im Zweifelsfall beim Überholen durch hupen an – cool, läuft!

Wir fahren durch die Maliboro, die Straße der Batikhändler und Souvenirverkäufer. Es ist alles sehr bunt hier – aber auch viel Ramsch. M. verrät mir, wo man hier wirklich schöne Sachen bekommt, aber das werden wir morgen erkunden, denn da haben L. und ich frei.

Gegen den Hunger hilft natürlich wieder Tante Lies, die hier schon seit 1978 ihr Straßenlokal hat, heute mit Tahu Telor (Telor =Tofu), Omelette mit Tofu und Frühlingszwiebeln, darauf Erdnusssoße mit Zitronengras und Chili (Lombok)…Hmmm!!

Dann erstmal zurück ins Hotel, in dem wir einen Coffeemix trinken. Über uns balzen die Geckos, und ich vertreibe mir die Zeit beim Indonesisch-Vokabeln lernen.

Wir haben uns mit Arsi und Dani am Hotel verabredet. Wir wollen Bege zu Hause besuchen fahren. Er ist – laut M. – einer von zwei fachkompetenten Indonesiern, die er seit 2005 getroffen hat, und er soll uns die institutionellen Hürden ebnen, die bei der Organisation eines solchen Projekts auftreten können. Als Arsi angekommen ist, teilt sie uns mit, dass Dani doch keine Zeit hat – aber nicht schlimm. Wir fahren über eine der drei Hauptstraßen nach Norden – so lange, bis wir irgendwann in eine Straße in die Reisfelder abbiegen, durch zwei kleine Dörfer und dann sind wir auch schon da. Wir sind fünf Minuten zu früh, völlig unüblich für Indonesier, die traditionell 20 Minuten zu spät kommen, aber Beges Frau verzeiht uns diese Unzulänglichkeit und empfängt uns trotzdem ganz herzlich in ihrem Haus.

An einem kleinen Straßenstand haben wir kurz zuvor noch ein paar Longan und Schlangenhautfrucht als Gastgeschenk erstanden, die dann von Bege zusammen mit Sojakeimkräckern, frittiertem Tofu mit Chilischoten und Spinat-Sojakräckern aufgetischt werden. Die beiden kleinen Kinder lugen ab und zu ängstlich durch den Vorhang zum Vorzimmer in dem wir (die Bules, die Weißen) sitzen. Immer wieder rufen sie ihren Papa zu sich, denn ein bisschen unheimlich ist es ihnen schon, dass so kurz vor dem Schlafengehen plötzlich so eine großer Glatzkopf und eine tätowierte weiße Frau in ihrem Wohnzimmer sitzen.

Mit Bege besprechen wir, wie wir die institutionellen Hürden überwinden können, damit unsere Arbeit auch offiziell abgesegnet ist. Wir hoffen, uns so besser orientieren zu können – in einem System, wo die zuständigen Personen und Institutionen jedes Jahr wechseln, wo der Zuständige von letztem Jahr jetzt woanders arbeitet und der Neue von nichts eine Ahnung hat. Dank M’s herausragenden Indonesischkenntnissen ist das überhaupt erst möglich, aber das allein genügt leider nicht, um trotz der vielen Hürden das Gelingen des Projekts zu ermöglichen. Die teilweise schon umgesetzten Septictanks haben leider nicht die Kapazität, um eine schadstofffreie Entsorgung zu ermöglichen. Wenn sie voll sind, werden sie von dem Entsorgungsunternehmen ausgepumpt und in den nächsten Fluss entsorgt. Das ist kein großer Fortschritt und stellt uns vor viele neue Fragen. Wie macht man das Vorhaben effizient und sinnvoll, so dass die Hilfe nachhaltig von den Dörfern genutzt werden kann? Die Frage des Abends….

Bege zeigt uns zum Abschluss noch seinen Hausgarten mit Spinat, Wasserspinat, Gurken, Tomaten Salat und Komposthaufen mit Würmerkompostierung. Das ist das Ziel für unser Projektdorf und das, was wir vorher als sinnvoll und nützlich in unseren Plan aufgenommen haben. Ein Lichtblick? Eine Basis für unsere Workshops? Werden das die Anwohner des Projektdorfes auch für eine gute Idee halten und umsetzen? Kann den Menschen dadurch geholfen werden?

Wir verabschieden uns und fahren zurück ins Hotel, danach noch einmal zu Tante Lies, eine Cola und ein Bier trinken, austauschen über die Erfahrungen, die wir persönlich bisher auf unseren Reisen in „ferne Länder“ sammeln konnten. Es ist ganz gut, mal von zu Hause rauszukommen. Da sind wir uns alle einig und das es einem hilft, ein Stück weit wieder auf den Boden der Tatsachen zu kommen, wenn man die eigenen Probleme gegen die der Menschen hier oder anderswo auf der Welt abwägt, wo man nicht so behütet wie in Deutschland aufwächst (ohne diese Probleme abwerten zu wollen).

Der Lautenspieler, von dem mir M. erzählt hat, setzt sich gegenüber von uns und fängt an zu spielen. Es ist schön zu sehen, wie er, als wir ihn für seine traurigen Lieder ein paar tausend Rupien geben, in eine Rikscha einsteigt und Feierabend macht.

Fortsetzung folgt