Abenteuer Indonesien – Teil 4

5. Tag: Einkaufen und eine Deutsche zu Besuch

Nach dem Frühstück haben L. und ich erst einmal Wäsche in die Laundry gebracht und sind dann zur Maliboro, einer Touristen-Krimskrams-, und Einkaufsstraße, gefahren. Kaum sind wir von unserem Moped abgestiegen, kommt auch schon ein grinsender Indonesier auf uns zu, der verblüffend gut Deutsch spricht. Er sagt, er möchte uns zu einer Batikkunstausstellung führen, was hier wohl so normal ist. L. und ich sind erst einmal skeptisch, da es durch verwinkelte, enge Gässchen geht. Wir kommen dann aber glücklicherweise tatsächlich in einer Batikwerkstatt an. Dort erklärt uns der freundliche Künstler sein Handwerk. Gemalt wird auf Tuch mit Bienenwachs oder Paraffin an den Stellen, die nicht eingefärbt werden sollen. Danach wird der Stoff, bei Baumwolle mit kochendem Wasser, bei Seide mit Öl ausgewaschen, da die Seide den hohen Temperaturen des Wassers nicht standhält. Wir kaufen auch jeder ein Bild, da er nicht nur ein guter Maler sondern auch ein guter Verkäufer ist.

Die Maliboro ist wirklich eine sehr turbulente und bunte Einkaufsstraße. Wir biegen in ein anderes kleines Gässchen ab und finden uns – nachdem wir uns durch die alten Kolonialwarenstände in der Enge durchgekämpft haben – in einem großen Kaufhaus wieder, das ebenfalls vor lauter Ware aus allen Nähten platzt.

Mit neuen T-Shirts versorgt fahren wir wieder nach Hause. Wo wir gegessen haben dürfte ja mittlerweile klar sein 😉

Am Abend kommt Arfi noch vorbei, und wir reden über die Unterschiede und Eigenheiten unserer Kulturen. M. aus Karlsruhe, die als Wasseringenieurin auch an dem Projekt teilnimmt, kommt an diesem Abend auch aus ihrem Bali-Urlaub mit ihrem Freund zurück. Nach diesem anstrengenden Einkaufs-/Konversationstag sind wir dann auch früh ins Bett, denn morgen geht es früh um acht ins Projektdorf.

6. Tag: Das Projektdorf

Kurze, kurze Nacht! Naja, immerhin nicht wieder um vier sondern diesmal – glaub ich – um zwölf eingeschlafen. Wir fahren zu sechst erst nach W., das auf halber Strecke zum Pilotdorf liegt und machen dort einen Zwischenstopp beim lokalen Partner, dem indonesischen Roten Kreuz.

Heute sind Bege, M., Arfi, Dani, M., L. und ich dabei. M. war bereits dort, konnte aber nicht viel Unterstützung erreichen, obwohl sie ja vor Ort die NGO darstellen und bereits Erfahrung mit dem Entwicklungsprogramm PHAST haben. Deswegen haben wir Bege dabei, der in der Vergangenheit dort gearbeitet hat.
Leider ist der Zuständige vor Ort dermaßen unmotiviert uns zu unterstützen, dass wir jegliche Unterstützung von der Seite abschreiben.

Wir fahren weiter und bekommen endlich einmal das Karstgebiet – auf das ich mich persönlich schon lange gefreut habe – mit seinen Kegelkarsthügeln, Reis-, Mango-, Maniok- etc. feldern zu sehen. Der Weg ins Projektdorf ist sehr schön. Bei gutem Wetter kann man von dem Plateau aus den Vulkan Merapi sehen. Leider ist es heute ziemlich diesig vom Verkehrssmog.
Im Projektdorf selber sehen wir dann allerdings die Müllproblematik live. Rund um die Hütten sieht zwar alles aufgeräumt aus, hinter den Hütten ist die Situation eine andere. Der Müll liegt überall dort, wo in der Regenzeit das Wasser abfließt und den Müll mit sich reißt, in die Höhlen, die dann letztenendes nach B. führen.

Die Höhlen von B. sind dort, wo die Pumpen für die Wasserversorgung der ganzen Umgebung eingebaut wurden. Das Wasser wird dadurch natürlich wieder verschmutzt und der ganze Aufwand ist damit umsonst. Als wir die lokale Bevölkerung befragen, ob ihnen dieses Problem bewusst ist, bejahen sie dies. Sie sagen, sie hätten es eine Weile versucht, den Müll zu sammeln und nach W. auf die Deponie zu bringen, haben es aber nach einer Weile aufgegeben, da es einfach zu viel Müll geworden ist. Desweiteren lohnt sich der Aufwand für sie auch nicht, da sie pro Kilo Plastikmüll nur 400 Rupia bekommen – weniger als einen Cent. Aufgerechnet gegen die Benzinkosten für die Fahrt von und zum 30 km entfernten Dorf haben sie keinen Nutzen davon. Die Möglichkeit, größere Mengen zu sammeln und mit einem LKW zu transportieren, gibt es nicht.

Wir werden evtl. versuchen, den ganzen Weiler P. und Umgebung zu einer Sammelgemeinschaft zu vereinigen, um so vielleicht die Mengen zusammen zu bekommen, die einen Abtransport mit einem geliehenen LKW ermöglichen. Aber ob das funktioniert, wissen wir noch nicht. Desweiteren haben wir heraus bekommen, dass die örtlichen Verwaltungsbehörden geplant haben, eine Grube auszuheben, in die der Müll zukünftig entsorgt werden soll. Das ist nicht besonders nachhaltig, weil man dann wahrscheinlich jedes Jahr wieder eine neue Grube anlegen muss und während der Regenzeit die Gefahr besteht, dass der Müll aus den Gruben gespült wird und letztenendes doch wieder in B. landet. Man müsste schon Steine auf die Deponie legen, was einen Haufen Arbeit bedeutet und selbst dann ist noch nicht klar, ob die Grube vom Wasser nicht wieder ausgespült wird. Wir werden versuchen, mit den Behörden vor Ort Kontakt aufzunehmen. Die werden nur wahrscheinlich nicht begeistert sein, wenn jemand ihre Idee hinterfragt, da man in den Behörden hier sowieso eher Facebook-Accounts pflegt als wirklich zu arbeiten. Alles in allem ganz schön verzwickt. Wir hatten auch gar nicht damit gerechnet, dass unsere Workshopgruppen schon so gut über die Problematiken aufgeklärt sind. Wir dachten, wir sollen ein Bewusstsein für die Müllproblematik wecken, aber das gibt es ja schon. Viel mehr müssen wir uns jetzt über andere, viel kompliziertere Fragen Gedanken machen.

Nachdem wir etwas ratlos aus dem Projektdorf abgereits sind, setzen wir uns in einem Hotel in W. zusammen und überdenken unsere Aufgabe neu. Auf jeden Fall wollen wir in der Umgebung eine Gemeinde suchen, in der das Abfallmanagement besser funktioniert und die am besten auch abseits gelegen ist, damit wir vergleichbare Verhältnisse bekommen. Gar nicht so einfach… aber Bege verspricht, sich kundig zu machen.

Bevor wir wieder nach Yogya zurück fahren, besuchen wir noch die Mülldeponie in W. Überall glimmen Müllberge und kleine Kinder von vielleicht 4, 5 Jahren – mitten im Müllberg – helfen ihren Eltern beim Sortieren. Die verrauchte Luft ist kaum zum Atmen geeignet. Unaussprechlich krass ist die Situation, in der die Menschen hier arbeiten müssen. Wir sind geschockt von den Umständen, die wir dort vorfinden und wissen auch gar nicht mehr, wie wir darauf reagieren sollen. Schweigend und jeder für sich verarbeiten wir diese Eindrücke. Erst als wir wieder zurück sind, sprechen wir kurz über das Erlebte. Es scheint irgendwie aussichtslos, den Menschen hier mit den Mitteln die wir haben, helfen zu können.

Eigentlich bleibt nur abzuwarten, was die nächsten Tage bringen, ob wir ein Vergleichsmodell finden und ob die Behörden kooperativ sind. Gerade ist Ramadan – kein guter Zeitpunkt, um die tagsüber völlig ausgezehrten Leute dort zum Arbeiten zu motivieren. Wir sind ja auch nicht die Ersten, die dort hingekommen sind. Irgendwann sind wir wieder weg, und das war wohl schon immer das Problem. Wenn keine Hilfe kommt, sind die Menschen völlig unmotiviert aufgrund ihrer Armutsverhältnisse etwas zu unternehmen. Sie müssen entweder mit dem Bewusstsein leben, dass sie sich vergiften oder sie verdrängen es und sagen: „Es war ja schon immer so und hat schon immer so funktioniert.“

Das einzige, was ich ganz genau weiß ist, dass ich zu Hause vermisse: meinen Freund D., seine Schwester (meine Freundin) C., die Tiere, meine Freunde und meine Familie – alle sind so weit weg und Abends, wenn ich im Bett liege, höre ich außer mir nichts und niemanden atmen. Das bin ich schon lange nicht mehr gewohnt. Selbst in Vietnam habe ich mir mit M. ein Zimmer geteilt. Das Alleinsein macht mir nach diesen Erfahrungen heute umso mehr zu schaffen.

Gegenüber unseres Hotels proben Kinder für die Feier, die das Ende von Ramadan einläutet. Es gibt eine Trommler-, und eine Tanzgruppe – alles Kinder im Junior-Highschool-Alter, die nach der Schule und dem ersehnten Abendessen noch bis nachts um zehn für ihren Auftritt proben. Stoisch wiederholt der Trainer – wie ich verstehe – die Worte DOH-WA…DOH-WA KA-BA. Ich muss mal rausfinden, was das heißt; eins, zwei, drei, vier kann es nicht sein – das heißt: satu, dua, tiga.. Naja, egal – auf jeden Fall sind sie eine gute Ablenkung.

Fortsetzung folgt