Die Anarchistin von David Mamet

Und hier kommt der Grund, warum ich das hier überhaupt geschrieben habe.

Die Ruhrfestspiele in Recklinghausen sind es eines der ältesten Theaterfestivals Europas (mehr dazu hier) und es ist schon eine kleine Schande, dass wir bisher noch nicht dagewesen sind.

Das sollte sich aber an diesem Wochenende ändern.
Schatzi hatte vor ein paar Wochen mal ein wenig recherchiert und dabei auch auf den Seiten der Ruhrfestspiele gestöbert.
Dabei hat sie dann entdeckt, dass am 10. und 11. Mai eine Inszenierung des Münchner Residenztheaters Die Anarchistin von David Mamet mit Cornelia Froboess als eine der beiden Protagonistinnen aufgeführt werden sollte.
Die Stückbeschreibung klang sehr spannend und die Froboess wollten wir beide gerne mal in einem Theaterstück sehen.

Das Festspielhaus im Stadtgarten von Recklinghausen ist ein riesiges, graues, im Bauhaus-Stil gehaltenes, Gebäude, dass dennoch offen, und, wie heißt es doch so schön: luftig, wirkt.
Um den Eingang herum befanden sich einige Essens- und Getränkestände, an denen auch schon einige BesucherInnen standen und saßen, als wir um kurz nach 18 Uhr dort ankamen. Wir haben uns ein wenig umgeschaut und sind in die Einganghalle gegangen, in der es neben weiteren gastronomischen Ständen auch noch einen kleinen Stand mit Büchern und Fanartikeln gab.
(Leider hatten sie kein T-Shirt und auch keine Sweaterjacke in meiner Größe mehr da, sodass ich diesmal ohne Beute nach Hause fahren musste. :()
Wir haben dann ein Buch über die Geschichte der Ruhrfestspiele gekauft und noch einen Kaffee bzw. Cappuccino getrunken.
Dann ging es auch schon die Treppen hinauf ins große Haus. Ein schlicht gehaltener Raum mit dunklen Wänden und nur interessanten Deckenlampen als Blickfang.
Nun aber zum Stück selbst.

In Die Anarchistin geht es um eine Terroristin, Cathy – Cornelia Froboess, die seit 35 Jahren für den Mord an zwei Polizisten und für die Mitgliedschaft in einer anarchistischen Bewegung im Gefängnis sitzt und jetzt entlassen werden möchte, um ihren schwerkranken Vater zu besuchen und anschließend in ein Kloster einzutreten, da sie im Gefängnis zum christlichen Glauben gefunden hätte.
Die Gutachterin, Ann – Sibylle Canonica, soll feststellen, ob Cathy sich wirklich geändert hat.

Die Aufführung beginnt mit einer dunklen Bühne, wir hören, wie eine Person einen Gang entlang läuft und immer wieder Türen aufgeschlossen werden, bis schließlich der Vorhang aufgeht und wir einen schlichten, grell erleuchteten Raum mit einem Schreibtisch, einem Bürostuhl, einem Telefon und ein paar Akten sehen.

Cathy steht in ihrem grünen Gefängnis-Outfit auf der einen Seite und Ann ist am Schreibtisch und packt ihre Tasche aus. In einem ihrer ersten Sätze berichtet sie Cathy, dass sie im Gefängnis auffhören wird und jetzt nur noch diese Anhörung durchführen muss.

Dann beginnt eine ausführliche Befragung der Gefangenen nach ihren Motiven und ihrer tatsächlichen oder vermeintlichen Wandlung zu einer gläubigen Christin.
Es geht um viele Themen: (Staats-)Gewalt, Terrorismus, Glauben, (lesbische)Liebe, Verrat, Gnade, Reue, Rache, Lüge, Vergebung.

Cathy versucht, Ann davon zu überzeugen, dass sie sich tatsächlich geändert hat. Das sie der Gewalt und dem linksradikalem, umstürzlerischen Gedankengut abgeschworen hat.
Ann versucht, die wahren Motive Cathys herauszufinden. Sie glaubt ihr nicht, dass sie jetzt gläubige Christin geworden ist. Zu oft haben Gefangene mit einem Bekenntnis zur Religion versucht, eine Haftverkürzung zu erreichen, zu oft stellte sich dies als Lüge heraus.

Ein siebzigminütiger Kampf der Worte bricht aus, dem nicht immer ganz leicht zu folgen ist.
Immer wieder wird das Gespräch, der Kampf, vom läutenden Telefon unterbrochen; wir erfahren, dass die Angehörigen der ermordeten Polizisten da sind, die verhindern wollen, dass Cathy jemals entlassen wird.

Letztendlich wird aber klar, dass es Ann nur darum geht, dass Cathy einen Verrat begeht, um ihre Freiheit zu erlangen.
Sie soll verraten, wo sich ihre damalige Geliebte und mutmaßliche Mittäterin, Althea, aufhält. Nur das sei ein Beweis, dass sie wirklich geläutert ist.

Das Stück wird zunehmend zu einem Nervenkrieg, in dem die Macht denkbar ungleich verteilt ist und so kommt es am Ende, wie es im Verlauf des Stückes schwerlich anders vorstellbar war, wie es kommen muss.
Cathy wird nie wieder in Freiheit sein.

Unserer Auffassung nach geht es in diesem Stück um den Sinn (Gesinnung, Gewissen, Lebenssinn) menschlichen Handelns.

Die Inszenierung ist handlungsbedingt sehr minimalistisch, aber die Schauspielerinnen glänzen in ihren Rollen.
Ein anspruchsvolles Stück, das dem Publikum intelektuell viel abverlangt (nix für Denkfaule, von denen leider welche neben uns saßen).

Alles in allem: Genau das Richtige für uns!