Besuch der Buchmesse Leipzig 2016

Es ist schon wunderbar, dass die Deutsche Bahn die Zugverbindung von Frankfurt am Main nach Leipzig verbessert hat. So dauert die Fahrt bis Leipzig Hauptbahnhof nur noch drei Stunden und Umsteigen ist auch nicht nötig. Okay, die Fahrt vom Hauptbahnhof zur Messe mit der Straßenbahn dauert auch noch einmal fast eine halbe Stunde, aber dann ist der Weg nicht mehr weit bis zum Haupteingang.

Gegen 11 Uhr war ich da und habe mir erst mal einen Überblick verschafft.

In den vergangenen Jahren habe ich immer wieder mal die Leipziger Buchmesse besucht, die vom Charakter her so ganz anders ist als die Frankfurter Buchmesse. Allein durch die Tatsache, dass die Leipziger Buchmesse jeden Tag für alle Besucherinnen und Besucher geöffnet ist und keine Tage nur für Fachpublikum hat, verleiht ihr einen ganz eigenen Charme. Hinzu kommt natürlich auch das Gelände selbst: fünf Hallen verbunden durch eine große Glashalle, so dass es möglich ist, von einer Halle zur nächsten zu gehen, ohne auch nur einen Schritt nach draußen zu tun. Bei Regen ist das natürlich super, allerdings wird es bei strahlendem Sonnenschein ziemlich warm unter dem großen Glasdach. Da ist es doch schön, hin und wieder mal zwischen den Hallen ins Freie zu treten.

Die Leipziger Messe hat übrigens einen viel größeren Anteil an Verlagen mit Belletristik im Angebot. Aber natürlich ist auch Sachliteratur zu finden, inklusive Wörterbüchern und dergleichen.
Eine ganze Halle für sich allein (Halle 1) hatte in diesem Jahr die Manga-Comic-Con, die bereits seit Jahren ein fester Bestandteil der Buchmesse ist. Besonders schön sind dann immer die Besucherinnen und Besucher, die sich wie ihre Lieblingsfiguren aus japanischen Mangas oder anderen Comics zum sogenannten Cosplay verkleiden. Die Kostüme sind häufig selbstgemacht und schwer beeindruckend. Leider hatte die eigene Halle den Nachteil, dass sie sich nicht mehr so stark unter das „gemeine“ Publikum mischten, wie das bisher der Fall war.

Nach dem Besuch einiger Verlagsstände (Querverlag, konkursbuch, Aviva) habe ich mich dann um kurz vor 13 Uhr auf den Weg zu Halle 4 gemacht, im dem sich das Übersetzerzentrum Leipzig befindet. Seit 2015 betreibt der Verband deutschsprachiger Übersetzer literarischer und wissenschaftlicher Werke (VdÜ) im Forum International dieses Zentrum mit diversen Veranstaltungen und Informationsbroschüren (Ich habe auch Broschüren und Zeitschriften vom BDÜ entdeckt!).

Auf der Leipziger Buchmesse ist Literatur aus Mittel-, Ost- und Südosteuropa traditionell sehr stark vertreten und im Forum International findet sich auch das europäische Netzwerk für Literatur aus Mittel- und Südosteuropa TRADUKI, das unter anderem ein Übersetzungsprogramm für Belletristik, aktuelles Sachbuch sowie Kinder- und Jugendbuch des 20. und 21. Jahrhunderts unterhält.

Aber zurück zum Übersetzerzentrum.
Hier wurden zwischen 13 und 14 Uhr die Nominierten für den Preis der Leipziger Buchmesse im Bereich Übersetzung vorgestellt. (Es gibt einen Preis für Literatur, einen für Sachbuch und einen für Übersetzung).
Dieses Jahr waren nominiert:
Claudia Hamm – „Emmanuel Carrère: Das Reich Gottes“ (Französisch)
Frank Heibert – „Richard Ford: Frank“ (amerikanisches Englisch)
Ursula Keller – „Michail Ossorgin: Eine Straße in Moskau“ (Russisch)
Brigitte Döbert – „Bora Ćosić: Die Tutoren“ (Serbisch)
Kirsten Brandt – „Joan Sales: Flüchtiger Glanz“ (Katalanisch)

Die Übersetzerinnen und Übersetzer wurden einzeln befragt und erzählten von den Schwierigkeiten und Freuden des Übersetzens. So hatten einige von ihnen das Problem, dass im Buch hin und wieder mal die Sprache gewechselt wurde.
Frau Brandt hatte es zum Beispiel nicht nur mit Katalanisch sondern auch mit Spanisch zu tun. Wie übertrage ich diese Unterschiede dann ins Deutsche? Oft ist dann ein Mittel der Wahl der Sprachduktus einzelner Figuren, um diese von anderen Charakteren zu unterscheiden.
Frau Döbert dagegen hatte plötzlich 60 Seiten in Reimform vor sich. Sie berichtete, dass sie sich diesen Abschnitt im Urlaub vorgenommen hat und dabei gemerkt, dass dafür eine gewisse Lockerheit, Entspanntheit von Vorteil war. Ihre Schwierigkeit bestand dann darin, nach den 60 Seiten mit dem Reimen wieder aufzuhören!
Bei Frau Keller tauchte das Problem des fehlenden Hintergrundwissens der deutschsprachigen Leserinnen und Leser auf. In Russland bzw. Moskau bekannte Straßennamen, die dort bestimmte Assoziationen auslösen, müssen in der Übersetzung ausführlicher erklärt werden. Zur Not mit Anmerkungen hinten im Buch, um kulturhistorische Fakten zu vermitteln.
Frau Hamm sah sich bei der Übersetzung mit vielen Zitaten aus verschiedenen französisch-sprachigen Versionen der Bibel konfrontiert. Sie hat sich dafür entschieden, sich beim Übersetzen ebenfalls gewisse Freiheiten zu nehmen.
Herr Heibert musste hin und wieder passende deutsche Ausdrücke und Redewendungen für amerikanisch-englischen Slang finden, da hier in den seltensten Fällen die wörtlichen Übersetzungen passen.

Insgesamt eine sehr abwechslungsreiche, lehrreiche und unterhaltsame Stunde, die ich da im sehr gut besuchten Übersetzerzentrum verbracht habe.

Jetzt musste aber erst mal was gegessen werden. Dazu gibt es auf der Buchmesse auch reichlich Gelegenheit. In jeder Halle gibt es diverse gastronomische Einrichtungen für fast alle Geschmäcker, von Eis- und Kaffeeständen über die Angebote der Messe-Gastronomie bis zu Restaurants zwischen den Hallen. In Halle 2 gab es sogar einen dieser sogenannten Food-Trucks, die ja derzeit so beliebt sind. (Mer kanns auch üwwertreiwe, gell?)

Danach habe ich mir noch die anderen Hallen angeschaut, ein wenig im Buchverkaufsbereich der Messe gestöbert, diversen Interviews mit mehr oder weniger prominenten Teilnehmerinnen und Teilnehmern zugehört und mich dann auf den Weg zur Glashalle gemacht, wo ab 16 Uhr die Preise verliehen wurden.
Als erstes wurde der Übersetzerpreis vergeben. Gewonnen hat Frau Döbert mit ihrer Übersetzung aus dem Serbischen von Bora Ćosić: Die Tutoren.
Es war sehr schön, dass alle Besucherinnen und Besucher so an der Verleihung teilnehmen konnten und die Veranstaltung nicht in einem separaten Raum stattfand.

Dann wurde es aber allmählich Zeit, dass ich mich wieder auf den Heimweg machte. Meine Füße waren auch schon ganz plattgelaufen und mein Kopf rauchte nicht nur von der Wärme unterm Glasdach. Da traf es sich sehr gut, dass direkt vor dem Haupteingang ein Bus wartete, der uns ohne Umwege zum Bahnhof brachte und ich nicht noch so weit laufen musste. Denn mit schmerzenden Füßen ist jeder Weg gleich doppelt so lang, nicht wahr? Was mich aber nicht davon abhalten soll, auch in den nächsten Jahren immer mal wieder nach Leipzig zu fahren.