Buchvorstellung: Christine Lehmann – Die Affen von Canstatt

vorgestellt von Schatzi2:

Dieser Krimi kann leicht mit einem einzigen Attribut beschrieben werden: „unsympathisch“.

Die Protagonistin ist unsympathisch, die Nebenfiguren sind unsympathisch, das Umfeld ist unsympathisch, das Tötungsmotiv ist hochgradig unsympathisch (sofern ein Tötungsmotiv überhaupt „sympathisch“ sein kann).

Da wäre zunächst die Hauptfigur: Camilla Feh, Tochter einer Kindsmörderin, kühl, distanziert, grund-lethargisch, wenig eigeninitiativ, konturlos. Das einzige, was sie wirklich auszeichnet, ist ihre Schreibbesessenheit (Tagebuch).

1991 findet man in einer Gartenanlage die verwesten Leichen von vier Neugeborenen. Schnell führen die Ermittlungen auf die Spur von Camillas Mutter. Diese ist und bleibt jedoch verschwunden. Sie lässt die 3-jährige Camilla alleine in der Wohnung zurück.

Camilla kommt zu Pflegeeltern – Pelzhändler aus Stuttgart, die bereits einen Sohn haben.
Sie wächst behütet und durchaus im Wissen um ihre Herkunft auf und empfindet die biologische Mutter stets als einen Schatten, den sie nicht abschütteln kann. Von ihrem sozialen Umfeld wird das Kind überwiegend gutmenschenhaft bedauert.

Camilla studiert in Tübingen Soziologie. Ihr Hauptthema ist die Sozialstruktur von Bonobo-Affen. Sie verbringt viele Wochen und Monate auf einer Bank vor dem Bonobo-Käfig im Stuttgarter Zoo und freundet sich dabei auch mit den Tierpflegerinnen und -pflegern an.

Eines Tages beobachtet sie einen vermeintlichen „Mord“-Versuch eines Bonobo-Weibchens am Jungtier einer anderen Äffin. Das Gesehene widerspricht allerdings der gängigen wissenschaftlichen Auffassung, dass Tiere nicht zu einem vorsätzlichen Mord fähig seien. Niemand glaubt ihr.
Sie schmeißt Ihr Studium und jobbt.

Zeitgleich ist sie mit Till liiert – einem fanatischen Anarcho, der Camilla auch immer wieder auf die Benachteiligung von Frauen an der Uni und überhaupt im Leben aufmerksam macht. Camilla ist leider resistent gegen seine durchaus plausiblen Argumente und tut diese als Übertreibungen und Generve ab.
Schließlich trennt sich Camilla von Till.

Eines Tages wird Till zerfetzt im Bonobo-Affenhaus des Stuttgarter Zoos gefunden.
DNA-Spuren am Tatort und mögliche Schlüsselkopien führen zu Camillas Verhaftung.
Camillas Onkel ist Anwalt und verteidigt sie mehr schlecht als recht und schon gar nicht wirklich engagiert. Sie fügt sich und unternimmt selbst nichts, um ihre Unschuld zu beweisen. Sie macht keinerlei Anstalten, um Ihre Freiheit zu kämpfen, sträubt sich nur ausgiebig gegen die Haftsituation und deren Bedingungen und stellt keine konstruktiven Überlegungen an, wie sie ihre missliche Lage verändern könnte.

Nach langer U-Haft wird sie schließlich wegen Mordes verurteilt.

Die Leserin erhält einen detaillierten Einblick in den Alltag eines Frauengefängnisses – die Abläufe, die Rituale, die Tricks, die Kommunikation, das Verhältnis zwischen Insassinnen und Schließerinnen etc.
Welche das schon immer mal interessiert hat – bitte sehr…..

Die Wende in der Handlung wird durch eine Figur eingeleitet, die Leserinnen von Christine Lehmanns Krimis sicher schon kennen: Lisa Nerz, eine -sagen wir mal- intersexuelle Reporterin und leidenschaftliche Hobbydetektivin. Sie wirkt recht ungebildet, hat weder Benimm noch Schliff. Sie ist ehrgeizig, beißt sich gerne fest und kommt durch bauernschlaue Taktik und geschickte Kniffe an die gewünschten Informationen.
So auch im Falle von Camilla.

Camilla kommt frei und studiert Jura.

Der Mord wird aufgeklärt. Eine menschliche Mörderin oder einen menschlichen Mörder im tatsächlichen Sinne gibt es nicht. Ja, die Affen haben Till getötet, allerdings nicht vorsätzlich sondern in Notwehr – und warum ?
Das Zauberwort heißt „Zoophilie“ (viel Spaß oder besser viel Abscheu beim googlen).

Nun noch zur Frage aller Fragen:
Was ist lesbisch an diesem Krimi ?
Dieser Aspekt ist leider ebenfalls als „unsympathisch“ zu bezeichnen.
Es werden sexuelle Beziehungen im Frauen-Knast geschildert, auch die Beziehung Camillas mit einer Mitgefangenen. Dann wird Camilla noch von Lisa Nerz „verführt“ – ein Ereignis ohne jede emotionale oder sonstige Bedeutung für Camilla.
Und das war’s …. Unerfreulich…..

Um doch noch ein paar positive Worte zu sagen:

Interessant ist die Frage, die sich Camilla natürlich stellt: „Warum hat meine biologische Mutter vier meiner Geschwister getötet, aber nicht mich ?“ Die Frage bleibt allerdings unbeantwortet. Es ist nicht einmal bekannt, als wievieltes Kind sie geboren wurde.

Dann wäre da noch Camillas Perspektivwechsel – monatelang beobachtet sie die eingesperrten Bonobos. Dann ist sie selbst eingesperrt und ihrer Freiheit beraubt.

Und die Frage: Unterscheiden sich Menschen und Affen grundsätzlich im Töten (wann, warum, wen, mit bzw. ohne Vorsatz) ?

Möglicherweise mögen Frauen dieses Buch, die auch skandinavische Krimis gut finden. Aber auf jeden Fall ist dieser Stoff ganz und gar nichts für Tierliebhaberinnen – auch wenn der Buchtitel dies suggerieren mag.

Die Affen von CanstattChristine Lehmann
Die Affen von Cannstatt
Ariadne Krimi 1195
Argument-Verlag
ISBN 978-3-86754-195-4