Buchvorstellung: Elke Weigel – Robin & Jennifer

vorgestellt von Gudrun:

In diesem Roman versetzt uns die Autorin in das Europa der Jahrhundertwende kurz vor dem ersten Weltkrieg.

Robin wächst in Cannstatt in den gut bürgerlichen Verhältnissen einer Apothekerfamilie auf. Die Enge dieser kleinen Stadt macht ihr früh zu schaffen. Schon, dass sie Kind einer Engländerin ist, die dazu noch bei ihrer Geburt gestorben ist, grenzt sie aus Sicht des konservativen Teils ihrer Verwandtschaft aus. Die zwei Brüder und der Vater sind die einzigen, die ihr zugetan sind und die sich (wenn auch teilweise widerstrebend) ihrem heftigen Eintreten für Bildung und Abitur beugen. Als Jugendliche und junge Erwachsene eckt sie zusehends mehr an. Sie will sich diese Welt erobern, ohne dass ihr permanent Grenzen gesetzt werden. In Männerkleidung auf dem Fahrrad erkundet sie heimlich ihre Umwelt. Sie sucht Freiheit, Unabhängigkeit und nach Berufen, mit denen sie ihren Lebensunterhalt verdienen kann. Über eine Schulfreundin kommt sie mit Frauen in Kontakt, die offensichtlich der bürgerlichen Frauenbewegung nahestehen und Vorbildcharakter für sie bekommen. Hier findet sie einen Widerhall ihrer Gedanken und Ermutigung für ihre ersten Schreibversuche als Journalistin.

Während des Studiums (eine der wenigen Studentinnen der damaligen Zeit) wird sie damit konfrontiert, dass ihre Verliebtheit in die Schulfreundin und der Wunsch nach einer gemeinsamen Zukunft ohne Ehe, einen pathologisierenden Namen hat. Als sie ihre Sehnsucht und Wünsche im familiären Milieu ausspricht, wird die Drohung der konservativen Verwandtschaft, sie als verrückt zu internieren, sehr real. Der plötzliche Tod des Vaters sprengt diese Situation auf. Sie folgt ihrem Lieblingsbruder in die Schweiz, auf den Monte Verita nach Ascona, in der zum Teil obskure, zum Teil reformerische Experimente einer selbstorganisierten, gleichberechtigten Gemeinschaft gelebt werden.

Jennifer wiederum stammt aus sehr privilegiertem Milieu. Ihre Mutter ist deutsche Adlige und eine begüterte Erbin, die die voreheliche Herkunft von Jennifer offensichtlich in letzter Minute mit einer Heirat in Paris heilen konnte. In dieser Zweckehe gehen sich beide Partner möglichst aus dem Weg. Die Mutter sucht ihre Zerstreuung in Gesellschaften und zu viel Alkohol.

Von Jennifer werden keine großen Anstrengungen gefordert, aber ihrem Entwicklungsdrang werden von Seiten der Mutter auch keine Knüppel in den Weg gelegt.
Bei den Gesellschaften der Mutter verkehren auch Künstler, Bisexuelle und Homosexuelle beiderlei Geschlechts. Jennifer wächst heran und entdeckt hinter den oberflächlichen Zurichtungen (Musik, Tanz, Benimm) für junge Damen aus sehr gutem Haus ihre Leidenschaft für den Tanz, den modernen Ausdruckstanz. Und sie erlebt ihre ersten Erfahrungen mit Geliebten. Die verlaufen nicht gerade glücklich, führen zu Enttäuschungen und Tränen, aber stigmatisiert fühlt sich Jennifer wegen ihres Verlangens nie. Ihre Mutter entscheidet sich dann doch zu einer Trennung, weil ihr Mann auch gegenüber Jennifer gewalttätig wird, und zieht mit Jennifer nach Ascona, um die Scheidung vorzubereiten.

Diese beiden jungen Frauen haben sehr unterschiedliche Erfahrungen, Persönlichkeiten und teilen nicht den gleichen sozialen Hintergrund. Am Vorabend des ersten Weltkriegs treffen sie als Mittzwanzigerinnen in Ascona aufeinander und lernen sich langsam kennen.
Es gehört nicht viel dazu zu erkennen, dass Elke Weigel ihren Plot und ihre Figuren geschaffen hat, um Themen zusammenzuführen, die sie an dieser Epoche bewegen: Die patriarchalen Zumutungen und Unterdrückungen von Frauen, der Militarismus der Gesellschaft und der damalige Zeitgeist von Frauen, aber auch einigen Männern, die gegen diese Erstickung aufbegehren. Die Liebe zu Frauen ist eine Facette dieses Ringens um persönliche und gesellschaftliche Emanzipation. Ihr Romanpersonal gerät ihr dabei aber nicht stereotyp und konstruiert. Das Buch bleibt gut lesbar. Was den jungen Frauen widerfährt, ihnen durch den Kopf geht und sie antreibt, bleibt glaubhaft und gerät nicht zur Staffage oder zum Klischee, obwohl das aufklärerische Interesse von Elke Weigel spürbar bleibt.

Einen großen Anteil daran hat, dass Elke Weigel lebendige Dialoge schreiben kann und ihren Figuren wohlwollend, aber auch zurückhaltend und nüchtern mit einer knappen, modernen Sprache auf der Spur bleibt. Sie folgt der persönlichen Entwicklung der jungen Frauen und macht das so, dass ich zumindest gern weiterlesen wollte. Wie sie Jennifers Erfahrungen mit dem modernen Ausdruckstanz beschreibt, lässt spüren, dass sie etwas davon versteht und dieses Erleben in Worte fassen kann. Der esoterische Hintergrund mancher Ereignisse auf dem Monte Verita interessiert Elke Weigel nicht so sehr und das ist gut so. Nicht zu vergessen, sie schreibt mit diesem Buch auch eine Liebesgeschichte und verschont die Leserin dabei glücklicherweise mit süßlichem Kitsch.
Alles in allem ein Buch, dass zwar keine hohe Literatur darstellt, sich aber sicher von vielerlei Normalkost auf dem lesbischen Buchmarkt positiv abhebt.

Buchtitel und Cover wirken etwas betulich, der Waschzettel spekuliert anscheinend auf die junge Leserin und wirkt dabei anbiedernd. Da hätte ich dem Buch etwas anderes gewünscht.

weigel robin u jennifer Cover
Elke Weigel
Robin & Jennifer
Historischer Roman
konkursbuch Verlag
€ 10,90
ISBN 978-3-88769-738-9