Buchvorstellung: Joanna Bator – Wolkenfern

Ein intuitiver Griff in die Bibliothek des Literaturhotels Franzosenhohl in Iserlohn hat mir ein wirklich interessantes Leseerlebnis beschert: „Wolkenfern“ von Joanna Bator, einer der bekanntesten zeitgenössischen polnischen Autorinnen. Und…. was anhand des Umschlagtextes nicht zu erahnen war: Es kamen Lesben darin vor – Überraschung.

Die Handlung spielt zwischen ca. 1930 und der Gegenwart in Polen, Deutschland, den USA und Griechenland – immer wieder mit Rückblicken und Erinnerungsschilderungen in die frau -manchmal mühsam- mitspringen muss. Es gibt nur vordergründig eine Protagonistin. Hauptfiguren sind eigentlich mehrere Frauen, deren Lebensgeschichten miteinander verwoben sind. Da sind z.B. die „Teetanten“ – zwei Frauen, von denen niemand so recht weiß, ob sie nun Schwestern oder Cousinen oder anderweitig „unaussprechlich“ miteinander verwoben sind (Lesben Nr. 1 + 2 von ?). Sie bekommen ein Findelkind, ein Mädchen, das sonst niemand haben will und kümmern sich liebevoll und sorgfältig um das Kind. Sie geben das Kind zu Nonnen in Sicherheit vor den Nazis, überleben -wenn auch schwer gezeichnet- das KZ und kehren mit dem Kind wieder zurück nach Hause. Widrige Umstände führen dazu, dass die Teetanten spurlos verschwinden und das inzwischen ca. 16-jährige Mädchen sich alleine durchschlagen muss. Sie landet nach vielen Wirren und drei unehelichen Töchtern, deren Erzeuger sie selbst nicht kennt, in München – als Ehefrau und mit einem weiteren Kind. Sie tanzt für ihr Leben gern und geht jeden Abend alleine in den Wald. Als die Tochter einer Schulfreundin in Polen einen schweren Autounfall erleidet, sorgt sie dafür, dass diese junge Frau in München behandelt wird. Aus dem Koma erwacht, lernt die junge Frau eine schwarze Krankenschwester aus New York kennen (Lesbe Nr. 3 von ?) und bekommt eine Digitalkamera geschenkt, die ihr später noch viel Ruhm und Anerkennung bringen wird. Statt nach Polen zurückzukehren, geht die junge Frau mit der Krankenschwester zunächst nach Frankfurt, dann nach Gelnhausen. Dort heiratet sie einen schwulen Konditor aus einer erzkonserativen amerikanischen Familie, der eine Frau zum Vorzeigen braucht, um nicht enterbt zu werden. Durch diese Heirat kommt die junge Frau zu einem Visum für die USA und geht mit der Krankenschwester nach New York. Sie wird Vorleserin für eine alte Frau, eine wohlhabende Jüdin aus Polen – aus der Gegend, aus der auch die junge Frau stammt. Der Tod der Großmutter veranlasst die junge Frau in ihre polnische Heimat zu reisen. Dort trifft sie eine Jugendfreundin, eine Ärztin, die in London lebt (Lesbe Nr. 4 von ?). Nach der Beerdigung folgt sie ihr nach London. Die Empathie der jungen Frau und ihre Fähigkeit, sowohl zuzuhören als auch spannend zu erzählen, führen die junge Frau erneut in die Dienste einer alten Dame, einer Griechin, die noch immer tief um ihre tödlich verunglückte Tochter trauert. Am Ende des Buches sind alle, die der jungen Frau wichtig sind, auf einer griechischen Insel in den Sommerferien – einer Insel mit matriarchalen Strukturen: Die Mütter vererben nur an die Töchtern, sie bestimmen den Alltag und verdienen den Unterhalt. Die Männer haben nichts zu sagen und arbeiten auch nicht. Jeden Abend baden all die starken griechischen Frauen der Insel gemeinsam im Meer. Welche nun aber glaubt, das Buch ende uneingeschränkt idyllisch griechisch und happy, die irrt sich.

Der Fokus der Handlung liegt durchweg auf den Erlebnis- und Gedankenwelten von Frauen – Großmütter, Mütter, Töchter, Tanten, Nachbarinnen. Männer kommen vor, sind aber von keiner großen Relevanz. Es geht um Erinnerungen, um Veränderungen, um Weggabelungen, um Loslösungen und neue Verbindungen, um Brüche nach traumatischen Erlebnissen. Die „Urmütter“ der Handlung sind die „Teetanten“ – die Wegbereiterinnen, zu ihrer Zeit von ihren abergläubischen Mitmenschen misstrauisch beäugt, aber doch hochgeschätzt und nach ihrem Verschwinden mystisch verklärt.

Das 500-Seiten dicke Buch enthält viele sehr detaillierte Erzählungen und Erinerungen, von denen ein Teil sicherlich für den Handlungsstrang verzichtbar wäre. Aber der Schreibstil der Autorin ist sehr interessant. Frau könnte meinen, dass sie die Figuren alle selbst kannte oder kennt, denn Charakterisierung und Verhalten sind stets sehr präzise – oft zum Augenrollen (z.B. Homophobie und Papstgläubigkeit der polnischen Figuren). Aber die Autorin scheint allen Figuren die Chance zu Veränderung einzuräumen und diese zunächst unvorstellbaren Veränderungen treten auch teilweise ein und sind aus der Entwicklung und aus dem Lebensweg der jeweiligen Figuren durchaus nachvollziehbar.

Das Buch liest sich nicht mal so nebenbei. Dazu ist es zu komplex – sowohl von der Zeitschiene mit ständigen Rückblenden als auch von der komplexen Handlung und den vielen Figuren, deren Namen frau sich merken muss (ja, auch Namen, die zu Anfang nur eine scheinbar untergeordente Rolle spielen, tauchen am Ende noch einmal an wichtigen Punkten der Handlung auf).

Sehr empfehlenswert – wirklich gute Literatur.

PS: Und ob Ihr’s glaubt oder nicht: Der Nachttopf von Napoleon Bonaparte spielt doch tatsächlich auch eine wichtige Rolle….

JoannaBatorWolkenfern
Wolkenfern
Roman
Joanna Bator
Aus dem Polnischen von Esther Kinsky
Suhrkamp Verlag, 2013
Gebunden, 499 Seiten
ISBN: 978-3-518-42405-6