Buchvorstellung: Sayaka Murata – Die Ladenhüterin

Auf dem Weg zur Kasse einer Buchhandlung hat meine Frau intuitiv ein Buch gegriffen, das sich -nach meiner Ansicht- als ganz große Literatur entpuppte und das ich unbedingt empfehlen möchte.

Die Ladenhüterin von Sayaka Murata

Eine Außenseiterin findet als Angestellte eines 24-Stunden-Supermarktes ihre wahre Bestimmung. Beeindruckend leicht und elegant entfaltet Sayaka Murata das Panorama einer Gesellschaft, deren Werte und Normen unverrückbar scheinen. Ein Roman, der weit über die Grenzen Japans hinausweist. Keiko Furukura ist anders. Gefühle sind ihr fremd, das Verhalten ihrer Mitmenschen irritiert sie meist. Um nirgendwo anzuecken, bleibt sie für sich. Als sie jedoch auf dem Rückweg von der Uni auf einen neu eröffneten Supermarkt stößt, einen sogenannten Konbini, beschließt sie, dort als Aushilfe anzufangen. Man bringt ihr den richtigen Gesichtsausdruck, das richtige Lächeln, die richtige Art zu sprechen bei. Keikos Welt schrumpft endlich auf ein für sie erträgliches Maß zusammen, sie verschmilzt geradezu mit den Gepflogenheiten des Konbini. Doch dann fängt Shiraha dort an, ein zynischer junger Mann, der sich sämtlichen Regeln widersetzt. Keikos mühsam aufgebautes Lebenssystem gerät ins Wanken. Und ehe sie sichs versieht, hat sie ebendiesen Mann in ihrer Badewanne sitzen. Tag und Nacht.

Die Autorin hat schon mehrere Preise für Ihr Erstlingswerk erhalten – und das vollkommen zu Recht.
In Japan ist das Buch ein Renner bei der jüngeren Generation – nur zu verständlich….

Es geht um „Anderssein“. Eine junge Frau hat einen anderen, ganz eigenen Charakter, eine sehr besonderen Persönlichkeit. Sie versteht Ihre Mitmenschen nicht – Ihre Eltern, Ihre Schwester, alle anderen, die nach bestimmten, eng definierten Konventionen leben. Sie versteht den Sinn dieser Konventionen nicht. Was wollen „die“ von mir und warum ?

Und die anderen verstehen die junge Frau nicht, wie sie tickt, was sie will, was sie ausmacht.

Das Buch spielt in der Gegenwart und ist in gewisser Weise sehr „japanisch“ in der Darstellung der Gesellschaft in der die junge Frau ein „Fremdkörper“ ist – sich manchmal so empfindet und auch meistens so behandelt wird. Sie ist eine „Ladenhüterin“ im doppelten Wortsinn.

Im Grunde genommen würde die Gesellschaft fast überall auf der Welt ähnlich auf eine solche Person reagieren – wenn auch in Japan auf die Spitze getrieben.
Es geht um „Tauglichkeit“ in der Gemeinschaft, um Anpassung an die Mehrheitsgesellschaft, darum ein Leben „wollen zu sollen“ das nicht das eigene ist.
Es geht um „Aussortieren“ von Menschen, die augenscheinlich nicht dazugehören wollen oder können.
Es geht um das von der Gesellschaft, der Familie so sehr ersehnte „geheilt werden“ von der Andersartigkeit.

Die Handlung ist nicht sehr komplex, aber jedes Wort sitzt. Aus den kühlen distanzierten Schilderungen und Analysen der Ich-Erzählerin spürt man regelrecht das ständige „Kopfschütteln“ der jungen Frau über die anderen und das ihres Umfeldes über sie.

Die Protagonistin wird vielleicht vielen Leserinnen nicht „sympathisch“ sein, aber darum geht es auch nicht.
Und, liebe Leserinnen, bitte nicht von dem männlichen Stinkstiefel in der Mitte des Buches abschrecken lassen.
Am Ende wird alles gut – ein furioser Sieg der Authentizität und Selbstbestimmtheit über Engstirnigkeit und Anpassung.

Die LadenhüterinSayaka Murata
Die Ladenhüterin
Roman
Übersetzerin Ursula Gräfe
Gebunden mit Schutzumschlag, 145 Seiten
Aufbau Verlag
ISBN: 978-3-351-03703-1