DenkRäume – Lesbische Bestatterinnen: eine andere Sicht auf Leben und Tod?

Sicher im Leben ist nur eins: wir werden alle sterben.
Die Frage dabei ist jetzt: wie gehen wir damit um?
Wollen wir die typische Null-Acht-Fünfzehn-Bestattung oder wollen wir die Angelegenheit dann doch etwas würdevoller und uns mehr entsprechend gestalten?

Heutzutage ist es in den meisten Fällen so, dass im Krankenhaus gestorben wird. Dann wird der Leichnam in die Kühlkammer geschoben, das Bestattungsunternehmen angerufen, die holen die Tote ab, richten sie schön her, bahren sie vielleicht noch in der Trauerhalle des Friedhofs auf, dann ist Beerdigungsfeier, entweder Erdbestattung oder Kremation, Sarg oder Urne ins Grab, Erde drauf, Feierabend.
Das klingt nicht gerade toll, nicht wahr? Für mich jedenfalls nicht.
Am letzten Freitag konnte Lesbe erfahren, dass es auch anders geht. Die Bestatterinnen von „Die Barke – Bestattung und Begleitung in Frauenhänden “, einem Unternehmen fest in Lesbenhand, war zu Gast bei den DenkRäumen im Evangelischen Frauenbegegnungszentrum in Frankfurt.

Dabei erfuhren wir, dass es überhaupt gar nicht so ablaufen muss, wie oben beschrieben.
Ich muss mich nur ein wenig damit beschäftigen, wie meine eigene Beerdigung und/oder die meiner Angehörigen/Liebsten/Freundinnen aussehen soll.
Welche von uns weiß schon, dass sie nicht sofort nach dem Eintreten des Todes ein Bestattungsunternehmen oder eine(n) Ärztin/Arzt anrufen muss? Die dürfen sowieso erst nach 3 Stunden den Tod bescheinigen.
Oder dass es in fast jedem deutschen Krankenhaus einen Abschiedsraum gibt?
Oder dass ich die Verstorbene sogar nach Hause holen darf!
Oder dass ich auswählen darf, wie die Verstorbene für die Trauerfeier hergerichtet wird?
Welche kennt schon alle Bestattungsarten? (Erdgrab, Urnengrab, anonyme Bestattung, Seebestattung, Weltraumbestattung, Naturbestattung (Wald) usw.)

„Die Barke“ wurde 1999 von Ajana Holz und ihrer damaligen Freundin gegründet, nachdem eine ihrer Freundinnen aus dem Kreis der spirituellen, feministischen Lesben verstarb und die Lesben auf der Suche nach Alternativen zur „klassischen“ Bestattung waren. Dabei stellten sie fest, dass es so etwas in Deutschland einfach nicht gab.
„Die Barke“ ist ein mobiles Bestattungsunternehmen, das zu jeder Zeit an jeden Ort in Deutschland kommt.
Deshalb sind sie aber nicht teurer als übliche Bestattungsunternehmen.

Die Frauen von „Die Barke“ sehen sich als „Seelen-Hebammen“, die die Toten auf ihrem Weg hinaus begleiten. Durch die Arbeit als Bestatterinnen haben sie das Leben wertschätzen gelernt. In Ihren Augen ist der Tod der Übergang in eine andere Welt, „eine andere Form der Lebendigkeit“.
Außerdem lehnen sie die Methoden der klassischen Bestattung ab: unter anderem das Verschließen der Augen mit Augenklammern, das Vernähen des Mundes, das Tamponieren der Körperöffnungen, Einbalsamierung und Herrichtung für die öffentliche Aufbahrung.

In der Diskussion kamen dann verschiedene Fragen auf. Z.B.:
Woher kommt die Angst vorm Sterben oder die Angst vor dem Tod, den Toten?
Liegt es an der Verdrängung des Todes aus unserem Alltag? An den Erfahrungen unserer VorfahrInnen in Zeiten der Pest, Hexenverfolgung, Drittes Reich?

Beschäftigen sich Lesben mehr mit ihrem eigenen Tod?
Merle von Bredow von „Die Barke“ meinte, dass Lesben die eigene Sterblichkeit eher verdrängen, wohl auch, weil sie schon genug Probleme im Leben hätten, z.B. mit dem Coming-Out oder dem Abgewiesen-werden durch die Herkunftsfamilie und anderes. Sie berichtete auch, dass sich viele Lesben dafür entscheiden, mit ihrem Tod in den „Schoß der Herkunftsfamilie“ zurückzukehren. Dass sie sich im Angesicht des Todes (also bei unheilbarer Krankheit) dafür entscheiden, so beerdigt werden zu wollen, wie es sich ihre Familie wünschen würde und nicht, wie sie oder ihre Freundinnen es gerne hätte(n).

Es war mal wieder ein sehr informativer Abend bei den DenkRäumen, der die anwesenden Lesben zum Nachdenken gebracht hat. Wir hätten noch stundenlang weiter diskutieren können. Es war leider überhaupt nicht möglich, das Thema auch nur annähernd vollumfänglich zu behandeln.

Eine wichtige Erkenntnis für mich: Lesbe solle sich darüber Gedanken machen, wie sie beerdigt werden möchte und erst recht darüber, was sie nicht will. Infos hierzu gibt es auch bei „Die Barke“.

Bei der nächsten Veranstaltung aus der Reihe „DenkRäume“ am 29. Oktober 2010 um 19 Uhr im EVA geht es um das Thema „Zur Un/Möglichkeit lesbischer Staatsbügerinnenschaft“ – Sind Lesben heute ‚vollwertige‘ Staatsbürgerinnen? Wollen sie es sein?
Darauf bin ich schon sehr gespannt!!!

Weiter Links:
Die Barke
weitere Infos
Arten der Bestattung (Wikepedia)
EVAngelisches Frauenbegegnungszentrum
Programm EVA Oktober 2010 (pdf)