DenkRäume – Zur Un/Möglichkeit lesbischer Staatsbürgerinnenschaft

DenkRäume, 29. Oktober 2010, EVAngelisches Frauenbegegnungszentrum, Frankfurt
Referentin: Christine M. Klapeer, Sozialwissenschaftlerin, Universitätslektorin, lesbische Aktivistin aus Österreich

Der Ankündigungstext:

Staatsbürgerschaft wird im alltäglichen Sprachgebrauch meist als Bezeichnung für die nationale Zugehörigkeit und mit Rechten (wie z.B. das Wahlrecht) verwendet. Die Frage, wer überhaupt warum als Staatsbürger(in?) anerkannt und wie staatsbürgerliche Teilhabe konzipiert wurde und wird, kann jedoch nicht jenseits von Geschlecht und Sexualität beantwortet werden. (Weiße) Männlichkeit sowie ungleiche hetero-sexuelle Beziehungen waren und sind bis heute ein wesentliches Organisationsmoment von Staatsbürgerschaft.
Es gilt daher die Möglichkeit lesbischer Staatsbürgerinnenschaft kritisch in den Blick zu nehmen:
Sind Lesben heute ‚vollwertige‘ Staatsbürgerinnen? Wollen sie es sein?

Es ging um die Bedeutung von Staatsbürgerschaft und den Bürgerbegriff als solchen. Insbesondere im Zusammenhang mit der Forderungen von Lesben und Schwulen nach gleichen Bürgerrechten.

Nun ein paar Ausführungen zum Vortrag:

Historisch gesehen wurden Bürgerrechte eingeführt, um vermeintlich Gleichheit zu schaffen. Tatsächlich dienten diese Bürgerrechte aber nur zum Ausschluss bestimmter Personengruppen: Juden, Frauen, Fremde, Sklaven. Die Gleichheitsillusion namens Bürgerrechte sollte über die ökonomische Ungleichheit hinwegtäuschen.
Der Begriff des „Staatsbürgers“ beinhaltete, dass nur Männer Bürger sein können.
Die Staatsbürgerschaft erfordere als Voraussetzung die Zwangsheterosexualität. Denn Frau und Staatsbürger seien Gegensätze. Die Frauen bekamen einen vom Mann abgeleiteten sekundären Bürgerstatus zugewiesen. Der Mann als Bürger brauche die Frau an seiner Seite, damit sie ihm „den Rücken frei halten“ kann. Nur er sei in der Lage, abstrakt zu denken und dadurch das öffentliche Leben zu gestalten. Die Frau sei dazu da, den ganzen emotionalen und sozialen Kram von ihm fernzuhalten. Sich also um Haushalt, Kinder, Freundschaftspflege etc. zu kümmern. (Lesen würde übrigens bei einer Frau Tobsuchtsanfälle auslösen – ich bin den ganzen Tag nur am Toben!! :D)

Dieses komplementäre Prinzip ist Grundlage für „Bürgertum“ und „Bürgerrechte“.
Mit der Einführung von Bürgerrechten (nur für Männer) wurde die bereits bestehende Geschlechterhierarchie formal zementiert.
Diese ganze Geschichte ist auf den Genfer Philosophen Rousseau zurückzuführen. „Er hat’s erfunden….“.

Die Einführung des Wahlrechts für Frauen und die rein formale gesetzliche Gleichstellung von Frauen heute als Bürgerinnen hat informal nichts an diesem historischen Bürgerprinzip geändert. Noch immer verdienen Frauen weniger als Männer. Noch immer haben sie nicht den gleichen Zugang zu politischen Ämtern wie Männer, noch immer gibt es die gläserne Decke in Unternehmen, noch immer wird Frauen oft (wie schon von Rousseau) die Fähigkeit zu rationalem Handeln abgesprochen usw.

Und nun die Fragestellung des Vortrags:
Wollen Lesben wirklich diese Bürgerrechte, die auf einer geradezu abartigen frauenfeindlichen Haltung basieren, die geschaffen wurden, um andere auszugrenzen, die aus feministischer Sicht völlig indiskutabel sind?
Warum gibt es heute keine feministische Kritik mehr an den Forderungen (z.B. des LSVD) an gleichen „Bürgerrechten“ für Lesben und Schwule? Oder gibt es sie und wir nehmen sie nur nicht wahr?

Warum entwickelt der Feminismus nicht ein anderes Konzept? Schließlich basiert der noch heute gültige Bürgerbegriff ja nur auf einer „dummen“ ERZÄHLUNG eines blöden Typen namens Rousseau. Wir könnten etwas Neues „erzählen“.

Die Diskussion nach dem Vortrag war lebhaft. Es fällt uns schwer, Alternativen zur Staatsbürgerschaft zu denken. Was bedeutet denn überhaupt die Abschaffung des Konzeptes „Staatsbürgerschaft“?
Zementieren nicht gleiche Bürgerrechte für Lesben und Schwule die Geschlechterhierarchie?
Das Thema des Vortrags ist ein Thema, über das viele im Publikum noch nie
ausführlich nachgedacht hatten. Die inhaltliche Herangehensweise der Vortragenden war zwar hochspannend aber auch zunächst befremdlich. Kaum eine im Publikum hatte sich jemals in dieser Art und Weise Gedanken über den Bürgerbegriff, die rechtliche Gleichstellung von Lesben und Schwulen und/oder Bürgerrechte gemacht. Das Thema bzw. der Vortrag bedurfte der „geistigen Verdauung“. Und so kam es, dass sich die Diskussion eher an der Peripherie des Themas entlang hangelte – was die Referentin jedoch durchaus nicht als negativ erachtete und besagter „Verdauung“ durchaus förderlich war