Dinkelsbühl, die Reise mit der Zeitmaschine

Vor vielen Jahren waren wir auf dem Weg zu einem Chorfestival in München. Auf einer Raststätte trafen wir eine Sängerin des Karlsruher Lesbenchors, die aus Dinkelsbühl kam.
D I N K E L S B Ü H L – ein witziger Ortsname….. Natürlich wusste keine von uns, wo Dinkelsbühl liegt. Besagte Chorschwester schwärmte davon, dass ihre Heimatstadt noch schöner sei als Rothenburg ob der Tauber und Schwäbisch Hall – schwer vorstellbar. Nun gut… Mit dieser Begegnung hatte sich Dinkelsbühl in meinem Hinterstübchen eingenistet. Irgendwann mal wollte ich mir dieses „traumhaft schöne Gebilde“ anschauen.
Die Gelegenheit ergab sich 2005. Schatzi und ich fuhren in den Urlaub an den Bodensee (nein, der ist nicht spießig, ganz im Gegenteil – aber dazu mehr in einem späteren Beitrag). Wir fuhren also eine Route, die uns über Dinkelsbühl führte.

Dinkelsbühl, Kreis Ansbach in Mittelfranken, an der Romantischen Straße im Grenzgebiet Bayern/Baden-Württemberg gelegen. Jetzt wissen wir’s genau… . An diesem Fleckchen Erde kommt frau nicht mal eben so ohne Grund vorbei. Kein Wunder also, dass mich meine sonst eher beachtlichen Geographiekenntnisse im Stich gelassen hatten.
Dinkelsbühl ist umgeben von einer vollständig erhaltenen Stadtmauer mit 20 Türmen, von denen die meisten noch erhalten sind – restauriert oder als Ruinen. Frau fährt durch eines dieser Stadttore in die Altstadt hinein. So muss ein Sprung mit der Zeitmaschine sein. Von einer Sekunde zur anderen kommt frau aus einem ganz normalen kleinstädtischen Umfeld de 21. Jahrhunderts in eine „Puppenstube“. Häuser aus dem 15. Und 16. Jahrhundert, Kopfsteinpflaster, die Straßenlaternen und alle Straßen- und Geschäftsschilder in passendem Stil – eine vollständig geschlossene sozusagen stilechte Altstadt, sehr gut saniert und konserviert. Frau denke sich die paar Autos weg, und der Zeitsprung ist (fast) perfekt. Wären da nicht – ja wären da nicht die asiatischen Touristen mit ihren Digitalkameras. Sie schwebten förmlich mit offenen Mündern im Zustand völliger Verzückung über’s Kopfsteinpflaster und belagerten schon morgens um 8 Uhr, als die Stadt noch schlief, die einzigen offenen Läden, Souvenirläden – was sonst. Wir erfuhren, dass besonders gewitzte Reiseagenturen ihre asiatischen Kunden eben nicht ins nahe gelegene Rothenburg ob der Tauber bringen sondern ins weniger bekannte, aber mindestens genauso schöne Dinkelsbühl. Asiatische Touristen bin ich ja vom Frankfurter Römer gewöhnt. Ihr Anblick erzeugt in mir stets wohlwollende amüsierte Heiterkeit – nun um so mehr in dieser großen alten Puppenstube. Ein Spaziergang auf der Stadtmauer ist besonders idyllisch. Frau kann von oben in die wunderschönen Bauerngärten der Wohnhäuser schauen. Erstaunlicherweise gibt es keinen Marktplatz sondern nur Marktstraßen, die früher jeweils besonderen Waren vorbehalten waren (Weinmarkt, Brotmarkt usw.). Sehenswert sind auch das Historische Museum im Spitalhof und das Museum der 3. Dimension in der Alten Stadtmühle (3-dimensionale Kunst, hochinteressant).
Übernachtet haben wir im Hotel Palmengarten, ein kleines hübsches Hotel in einer Seitenstraße in der Altstadt. Dass wir ein Paar sind, war kein Problem. Wir bekamen ein Zimmer mit Doppelbett und gemeinsamer großer Bettdecke und schliefen sogar recht gut, obwohl die Ausstattung fast vollständig in rosa !!! gehalten war.

Der Abend in Dinkelsbühl war noch aus einem anderen Grund äußerst denkwürdig. Es war der Abend des 18. September 2005 – remember ? Es war der Wahlabend aus dem die große Koalition aus CDU und SPD hervorging. Ein sehr spannendes Kopf-an-Kopf-Rennen, das wir aufgeregt, in rosa gehüllt am Bildschirm unseres Zimmers verfolgten. Zur Beruhigung nahmen wir spätabends noch an einem Nachtwächter-Rundgang teil – sehr witzig und informativ – die angestrahlte Stadtmauer mit den Türmen und die vielen kleinen Anekdoten. Zwischendurch hielten wir vor einigen Gasthäusern. Der Nachtwächter sagte mit lauter Stimme einen Spruch auf oder sang ein Lied. Daraufhin kamen die Gäste und die Wirtsleute raus. Der Nachtwächter sprach oder sang noch eine weitere Strophe und dann bekamen alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Rundgangs ein Glas Wein . Wir haben natürlich nur genippt, denn hätten wir all den Wein getrunken, der uns kostenlos kredenzt wurde, wären wir sternhagelvoll gewesen.
Leider muss ich berichten, dass es nichts über Frauen/Lesben in Dinkelsbühl zu berichten gibt. Schatzi und ich erkunden ja gerne überall historische oder zeitgenössische Frauen/Lesben, aber Dinkelsbühl gehört zu den ganz wenigen Orten, an denen wir nicht fündig geworden sind. Sorry.
Zum Abschied fuhren wir dann wieder durch die Zeitmaschine (das Stadttor) hinaus in die „Gegenwart“ – fast ein Kulturschock nach 24 Stunden Altstadt Dinkelsbühl.
Dinkelsbühl – für Lesben, die alte idyllische romantische Städtchen lieben, ein MUSS. Ebenso wie für die, die schon immer mal durch die Zeit reisen wollten.