dOCUMENTA (13) – Ein Ausflug

Eine Woche vor Ende der diesjährigen Documenta haben sich elf Lesben/Frauen mit dem Zug auf den Weg nach Kassel gemacht.

Randbedingungen:

Es war sehr warm.
Wir haben uns die Füße platt gelaufen.
Alles war sehr gut organisiert (Sonderbus, der alle 15 Minuten umsonst fuhr, zügige Rucksackaufbewahrung)
Da, wo die Schlangen zu lang waren, sind wir nicht hingegangen.
Ein paar Kunstwerke zur Auswahl (die Kunstwerke hießen nicht in echt so, hab ihnen selbst diese Fantasie-Namen gegeben):

Rauminstallation „Revolutionslieder“
Ein weißer Raum mit hohen Decken. An den Wänden standen die Texte von ganz vielen Revolutions- und Widerstandsliedern aus mehreren Jahrhunderten (z.B. Partisanenlieder aus Italien, Revolutionslieder aus Kuba, aber auch moderne Rocksongs, die zum Widerstand gegen was auch immer aufrufen).
Zwei Lieder hatten Schatzi und ich auch schon im Chor gesungen. Über allen Liedern stand der Text des Liedes „Die Gedanken sind frei“ (kennst Du ja bestimmt noch von der Schule).
Und dann stand da noch eine Musikbox. Da konnte man auf die Knöpfe drücken und sich die Lieder auch anhören.
Das war echt schön. Hat den Leuten gut gefallen, das eine oder andere Lied zu erkennen und mitsingen zu können. Alle im Raum haben gelächelt.

Klanginstallation „Komposition Theresienstadt“
Ort des Kunstwerks war das Gleis im alten Kasseler Hauptbahnhof von wo aus im 3. Reich Juden in die Konzentrationsläger deportiert wurden.
Ein Theresienstadt-Insasse hatte damals ein Stück komponiert, das eine Künstlerin musikalisch in Fragmente zerlegt hat. Aus den Lautsprechern an den Bahngleisen ringsum tönte jeweils 1 Orchesterinstrument.
Durch den Rundum-Sound bekam man dann eine Ahnung von der Komposition. War irgendwie beklemmend.

Rauminstallation „Rollo-Ballett“
Über einem alten Gleis in der Halle des alten Hauptbahnhofs hatte eine Künstlerin ganz viele graue Jalousien in verschiedenen Winkeln aufgehängt.
Mittels Computerprogramm öffneten und schlossen sich die Jalousien wie von Geisterhand, die Lamellen kippten vor und zurück. Es war, als ob die Jalousien einem nicht-hörbaren musikalischen Rhythmus folgen – wie eine Ballett-Choreographie. Je nach dem wie das Licht in die Halle fiel, ergaben sich zudem noch alle Schattierungen von Grau und Silber, die man sich nur vorstellen kann. War witzig und spannend. Wir haben versucht zu raten, welche Jalousien als nächstes hoch oder runter gehen, aber es war kein erratbares System dahinter.

Wandgemälde „Segeltuch“
Die Künstlerin hat mehrere große Segel von Schiffen mit Farben „beschmiert“, dann zu Päckchen zusammengerollt, verschnürt, an einem Meeresstrand festgemacht und dort wochen- oder monatelang liegengelassen.
Das Wasser, die Steine und die Algen stießen dann in all dieser Zeit auf die Segeltücher bzw. umspülten die Tücher.
Dann hat die Künstlerin die Segeltücher wieder ausgepackt und nebeneinander als Riesen-Wandgemälde aufgehängt. Man sieht, was Wasser, Steine und Algen mit dem Segeltuch und den Farben gemacht haben. Nach dem Motto „Das Meer hat gemalt und Kunst hervorgebracht“. Erinnert ein bisschen an Batik-Muster. Sehr schön.

Außeninstallation „Schrotthaufen“
Eine italienische Künstlerin hat aus 4 Tonnen Schrott einen Riesenhaufen drapiert (Schiffscontainer, halbe Autos, Motoren, alle möglichen Metallteile). Dann hat sie 4 Stücke Schrott aus diesem Haufen rausgenommen und sie durch Betonteile ersetzt. Die 4 Schrottstücke hat sie dann in einem Innenraum wie im Museum präsentiert. Dort wirkte dann jedes Teil für sich wie ein Kunstwerk und draußen vor der Tür war dann halt der Schrotthaufen mit den 4 Beton-Ersatzteilen. Der Schrotthaufen ist während der documenta „Kunst“. Nach der documenta geht der Schrotthaufen zu einem Schrotthändler und wird ganz normal verwertet. So wird niemand für dieses vergängliche „Kunstwerk“ jemals 5 Millionen Euro oder so zahlen. Ist auch besser so…

Die richtigen Titel der Kunstwerke:
Susan Hiller – Die Gedanken sind frei: 100 songs for the 100 days of dOCUMENTA (13)
Susan Philipz – Study for Strings
Haegue Yang – Approaching: Choreography Engineered in Never-Past Tense
Jessica Warboys – Sea Painting
Momentary Monument IV – Lara Favaretto

Außerdem angeschaut:
Zanele Muholi – Phasen&Gesichter
Sanja Ivekovic – (The Revolutionaries)

Die Kunstführer der documenta waren keine Kunsthistoriker sondern ganz normale Bürgerinnen und Bürger der Stadt Kassel, die auf ihre Aufgabe hin geschult worden waren und Worldly Companion genannt wurden.
Entsprechend haben sie nicht so erzählt, wie man das aus dem Museum gewohnt ist. Sie haben nur ein bisschen erzählt und dann versucht, die Besucher miteinander ins Gespräch zu bringen – nach dem Motto „Was fällt Ihnen dazu ein ?“ oder „Wie fühlen Sie sich in diesem Raum ?“ oder „Woran erinnert Sie das ?“.
War anders, aber auch sehr gut.

Nächstes Mal (in 5 Jahren) fahren wir wieder zur documenta.

Leider erst nach dem Ende der dOCUMENTA (13) entdeckt:
360Grad Tour – Der virtuelle Rundgang (Hessischer Rundfunk)

3 Antworten zu “dOCUMENTA (13) – Ein Ausflug”

  1. Ja, war ein sehr schöner Ausflug. Danke für’s Vorschlagen und Organisieren. 🙂

    Wir erfreuen uns schon die ganze Woche an der Erinnerung an dieses besondere Event.
    Werd hoffentlich bald noch einen Eintrag und ein paar mehr Bilder präsentieren.

  2. dOCUMENTA (13) – Der Besuch
    Als die dOCUMENTA (13) im Juni startete, kamen Freundinnen auf die Idee, doch eine frauenorientierte Führung vor Ort zu organisieren. Sie erkundigten sich, was möglich ist und sprachen andere Frauen an, ob diese denn an solch einer Führu…

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