Ein Besuch der Leipziger Buchmesse 2017 – kurz danach

Endlich bin ich angekommen. Und ich bin natürlich nicht die Einzige. 🙂
Es ist auch dieses Jahr wieder ziemlich voll. Aber wenigstens ist es nicht ganz so warm in den Hallen, wie es in den letzten paar Jahren war. Es macht schon einen kleinen Unterschied, wenn die Sonne nicht aufs Hallendach aus Glas knallt.

Für mich ging es heute hauptsächlich in die Halle 5. Dort waren die deutschen Verlage, die Literatur für Lesben, von Lesben herausbringen und einen Stand auf der Messe haben, versammelt: Argument Verlag mit Ariadne, Aviva-Verlag, Ulrike Helmer Verlag, konkursbuch und der Querverlag.
Im Katalog hatte ich noch einen neuen Verlag mit dem Namen Weibsbilder entdeckt.
Und dazu nun die Frage: welche Art der Literatur erwartet Ihr beim Verlagsnamen Weibsbilder??
Bücher über starke, kluge, unbeugsame, tapfere Frauen? Frauen als Hauptfiguren in den Geschichten? Ja, das hatte ich auch erwartet. Womit ich überhaupt nicht gerechnet hatte, war: Gay Romance in allen Formen und vor allem Farben. Ich war sprachlos. Auf allen Buchcovern am Stand waren Männer zu sehen. Vorzugsweise mit nackten Oberkörpern, natürlich mit Waschbrettbauch.
Hatte ich da was verpasst? Hatte es eine Umdeutung des Begriffs Weibsbilder gegeben, was ich mal wieder nicht mitbekommen hatte? Da musste ich doch mal jemanden dazu befragen. Am besten einen schwulen Mann. Denn am Stand der Weibsbilder hingen auch noch überall fröhlich munter die Regenbogenfähnchen rum. Also, ab zu Querverlag und den Chef Jim Baker befragen. Das führte dann zur

Quizfrage des heutigen Tages:

Schreiben heterosexuelle Frauen, die Gay Romance – also Liebesgeschichten mit gutaussehenden schwulen Männern als Hauptfiguren – für heterosexuelle Frauen schreiben, queere Literatur?

Das ist doch mal eine gute Frage, oder? Mit dieser Problematik sieht sich momentan Jim Baker vom Querverlag aus Berlin konfrontiert, der zu einer Veranstaltung auf der Buchmesse eingeladen wurde mit dem Thema Queer Literatur – Herausforderungen und Probleme eines Genres.
Klingt zunächst mal wunderbar, oder?
Das Problem war nur, zu diesem Thema eingeladen waren zwei Autorinnen, die Gay Romance schreiben und Jim Baker als Verleger, der u.a. Literatur von Schwulen für Schwule herausgibt.
Es war keine Lesbe vorgesehen, keine Trans*-Person.
Das klang doch eher nach einer Veranstaltung, wo es nur um Schwule gehen sollte. Aber ist Gay Romance schwule Literatur? Wahrscheinlich gibt es Schwule, die Gay Romance lesen. Warum auch nicht? Aber: passt das zum Thema Queer Literatur???? Wollen wir wirklich ALLE mitnehmen???

Jim hat dann darauf bestanden, dass auch noch eine Lesbe und eine Trans*-Person eingeladen wird. Die veranstaltenden Ladies waren darüber zunächst völlig verwirrt. Sie verstanden das Anliegen nicht. Und eine der Autorinnen hat abgesagt. Sie schien beleidigt zu sein, weil Jim Baker Gay Romance nicht als queere Literatur gelten lassen wollte.
Nun ja, jedenfalls nimmt nun mit Doris Hermanns eine Lesbe an der Diskussion teil. Die angefragte Trans*-Person hatte auch abgesagt.
Schade, dass ich am Samstag nicht dabei sein kann. Es interessiert mich brennend, wie die Diskussion ablaufen wird. Vielleicht kriege ich das ja noch irgendwie heraus.

Nach diesem Erlebnis bin ich dann noch rüber in Halle 4 zum Übersetzerforum gegangen. Da kenne ich mich aus. Überraschungen gab es da keine. 🙂
Die Veranstaltungen zum Thema Übersetzen werden in Leipzig vom Verein der literarischen ÜbersetzerInnen, dem VdÜ und der Weltlesebühne organisiert. Insgesamt gibt es zwölf Veranstaltungen zum literarischen Übersetzen auf der diesjährigen Buchmesse. Unter anderem wurden auch die Nominierten für den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Übersetzung vorgestellt:

Holger Fock und Sabine Müller: Kompass von Mathias Enard aus dem Französischen
Gregor Hens: Shark von Will Self aus dem Englischen
Eva Lüdi Kong: Die Reise nach Westen von unbekannter Verfasser aus dem Chinesischen
Gabriele Leupold: Die Baugrube von Andrej Platonow aus dem Russischen
Petra Strien: Die Irrfahrten von Persiles und Sigismunda von Miguel de Cervantes aus dem Spanischen

Gewonnen hat übrigens Eva Lüdi Kong. Ich habe das Buch gesehen und mal in der Hand gehalten. Wahnsinn! Das Buch hat 1320 Seiten! Das hat ein paar Jahre gedauert, das zu übersetzen. Beeindruckend.
Und es soll eines der vier beliebtesten Bücher in China sein. Ich vermute stark, dass die chinesische Version nicht ganz so dick ist. Wenn ich mich recht erinnere, werden ja mit den chinesischen Schriftzeichen häufig mehr als ein Wort abgebildet.

Dann war es auch schon wieder Zeit für die Rückfahrt.
Und so sitze ich nun etwas müde und fußlahm im Zug und werde wohl noch ein wenig lesen oder auch schlafen. Je nachdem.

Bis zum nächsten Mal.