Erkundungen in Frankfurt – Kulturführung Pölzigbau

Ein nasskalter, ungemütlicher Samstagnachmittag – ideal für eine Portion Wissensfutter in Sachen Frankfurter Architektur und Geschichte.

Und so nahmen wir an einer KULTUROTHEK-Führung Das IG Farben Haus- Der Poelzigbau und seine Vergangenheit durch den Pölzigbau (auch IG-Farbenhaus und Uni-Camupus Westend genannt) (Achtung, PDF-Datei!) teil.
Etwas Interessantes erfahren, was wir ohnehin schon lange mal wissen wollten – schön, in warmen Innenräumen…… Dachten wir …..

Eine recht große Gruppe traf sich in der Haupt-Lobby, auch Rotunde genannt. Kulturführer war Herr R., ein Historiker aus Frankfurt, der uns in den folgenden 2,5 Stunden kompetent und spannend, ohne ein einziges „Hmmm“ oder „Ähhhh“ und rhetorisch gut formuliert über Architektur und Geschichte des Pölzigbaus erzählte.

Das Gelände war früher einmal ein Betstock, möglicherweise sogar eine längst vergessene Stadtwarte.
Dann gehörte das Land Goethes Großvater (an dem Kerl kommt frau einfach nicht vorbei).

Wusstet Ihr, dass Goethe -als er nach Weimar ging- seine Frankfurter Staatsbürgerschaft abgab ?
Das nahmen ihm die Frankfurter sehr übel – was bis heute nachwirkt: Überall, außer in Frankfurt, heißt der Herr Johann Wolfgang VON Goethe (das Adelsprädikat erhielt er in Weimar). Nur in Frankfurt verweigert man ihm bis heute das VON. Die Frankfurter Universität heißt „Johann-Wolfgang-Goethe-Universität“ (ohne VON).

Dann ließ der berühmte Psychiater und „Struwwelpeter“-Autor Heinrich Hofmann hier das Affenstein-Krankenhaus bauen – eine für die damalige Zeit sehr fortschrittliche psychiatrische Klinik.

Im Jahr 1925 begann dann die berüchtigte IG-Farben mit dem Bau des „IG-Farben-Hauses“. Mit dem Bau wurde nicht etwa der bekannte Frankfurter Architekt Ernst May sondern sein Widersacher Hans Pölzig beauftragt. Es sollte ein großer, festungsähnlicher Bau werden und dieser sollte innerhalb von 3 Jahren fertig sein. Wegen des enormen Zeitdrucks müsste sich Pölzig etwas einfallen lassen. Und so wandte er sehr moderne, bis dahin unbekannte Methoden an. Beispielsweise Just-in-Time-Bauen. Es gab keine großen Baustofflager. Er ließ alle Materialien erst kurz vor Benutzung anliefern. Oder riesige Bogenlampen, die mit ihrer Hitze sowohl im Winter für das Tauen des gefrorenen Bodens als auch für ausreichend Licht und Wärme für die Arbeiter sorgten. Die Decke der Rotunde im Haupteingang ist aus Aluminium, das damals teuerste Material – aus den USA importiert.

Bei den Fenstern hat sich Pölzig auch etwas ganz Besonderes ausgedacht:
Normalerweise sitzt der Vorstand eines Unternehmens ja im obersten Stockwerk – auch als Sinnbild für die vermeintlich eigene Macht. Im Pölzig-Bau saß der Vorstand im 1. Stock. Wie also die gewünschte Machtdemonstration ermöglichen ? Das „Problem“ wurde mit der Raumhöhe gelöst. Der 1. Stock hat die höchste Raumhöhe, nach oben nimmt die Raumhöhe stetig ab. Das wirkte sich auch auf die Fenster aus:
Im 1. Stock sind die höchsten Fenster, nach oben hin nahm die Fensterhöhe ab.
Diese Eigenheit führte bei der Sanierung des Gebäudekomplexes zu einem Dilemma. Die Handwerker maßen nur im 1. Stock die Fensterhöhe und bestellten dann alle Fenster für alle Stockwerke – autsch….
Und wieder ein Fall für das Schwarzbuch der Steuerverschwendungen…..

1933 war die IG Farben fast pleite. Da kam ihr das Interesse des Nazi-Regimes gerade recht. Die jüdischen Mitarbeiter samt Direktoren wurden sofort entlassen. Man kooperierte schon sehr früh eng mit den Nazis, betrieb sogar ein privates KZ und lieferte das Zyklon-B für die Gaskammern. Das IG-Farben eigene Labor ließ sich aus Auschwitz Frauen für ihre verbrecherischen Versuche liefern.
Nach dem Krieg wurde der komplette „Rat der Götter“ wie sich das Direktorium der IG-Farben selbst nannte, in den Nürnberger Prozessen zu langen Haftstrafen verurteilt.

Dann zog das V. Korps der US-Armee unter der Leitung von General Eisenhower in den Pölzigbau ein. Fortan hieß das Gebäude Abrahams Building. Später residierte hier auch Colin Powell, der spätere US-Außenminister, als leitender General.

1995 verließen die Amerikaner Frankfurt. Da die Bundesrepublik Deutschland die IG-Farben Ende der 40-er Jahre mit einer horrenden Summe für den Pölzigbau entschädigt hatte, fiel der Gebäudekomplex wieder an den deutschen Staat und wurde nach gründlicher Sanierung zum Unicampus Westend.

Heute studieren dort ca. 25.000 Menschen. Man spricht wohl gerne vom Entstehen des „schönsten Uni-Campus‘ Europas“, denn fertig ist der Campus noch nicht. Es fehlen noch diverse Gebäude, u.a. die Uni-Bibliothek. Was jedoch innen und außen neu und schick wirkt, hat seine Tücken. Die Gebäude haben keine Klimaanlage. Alle Seminarräume sind nach Süden ausgerichtet. Die Räume heizen sich wohl sehr stark auf.
Da fließt dann der Schweiß nicht nur ob der anstrengenden Denkleistungen, die man zu erbringen bemüht ist.

Noch mal zurück zu „schön, in warmen Innenräumen“…..
Herr R. scheuchte uns nicht nur durch diverse Gebäude – treppauf, treppab, lange Gänge hin, lange Gänge zurück sondern erzählte uns auch einiges auf zugigen, glitschigen Terrassen und Gartenpfaden, vor Gebäuden, hinter Gebäuden, im Garten und das alles im Schneegestöber. Der „Gemütlichkeitsfaktor“ dieser Führung war nahe Null.

Hier ein Foto zum Wetter:

Pölzig-Bau von hinten
Die Rückseite des Pölzigbaus. Die weißen Streifen auf dem Bild sind Schnee.

Nach 2,5 Stunden waren wir durchgefroren, fußlahm aber -immerhin- wieder ein bisschen schlauer.

Alles in allem – und schon ganz und gar bei gutem Wetter – sehr empfehlenswert.

Sehr empfehlenswerte Homepage zur I.G. Farben und ihrer Rolle im Nationalsozialismus:
Wollheim Memorial (Bei unserem Besuch leider geschlossen.)