Formen des Erinnerns – Podiumsdiskussion in der Deutschen Nationalbibliothek

Die Vorgeschichte

Wenn frau so mit der U-Bahn durch Frankfurt fährt, entdeckt sie ja das ein oder andere Plakat an den Haltestellen.
An der Haltestelle Dom/Römer hängt ein Plakat mit Hinweisen auf viele literarische Veranstaltungen in der Stadt. Vor zwei Wochen fand ich dort einen Veranstaltungshinweis, der mich sofort neugierig machte:

Formen des Erinnerns
Podiumsdiskussion mit
Sylvia Asmus, Leiterin des Deutschen Exilarchvs 1933 – 1945 der Deutschen Nationalbibliothek
Ruth Küger, Professorin für Germanistik und Autorin diverser Bücher
Edita Koch, Herausgeberin der Zeitschrift „Exil“
Herta Müller, Autorin und Literaturnobelpreisträgerin 2009
Volker Weidermann, Leiter des Feuilletons der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und Autor
Moderation: Jochanan Shelliem, Hörfunkjournalist
in der Deutschen Nationalbibliothek
Die Podiumsdiskussion nimmt unterschiedliche Formen der Erinnerung an Holocaust, Exil und Emigration in den Blick und stellt die Frage nach der Zukunft der Erinnerung

zusammengefasst aus der Einladung zur Veranstaltung

Wow! 4 Frauen auf dem Podium!
Herta Müller, deren Buch Atemschaukel und Ruth Klüger, deren Bücher weiter leben und Frauen lesen anders mich schwer beeindruckt haben!

Da mussten wir unbedingt hin.
Ich habe Schatzi und mich noch am gleichen Abend per Mail angemeldet.
Am nächsten Tag kam die Antwort:

…leider müssen wir Sie zu diesem Zeitpunkt auf unsere Nachrückerliste setzen. Gegebenenfalls haben Sie die Möglichkeit die Veranstaltung in einer Übertragung außerhalb des Hauptsaales zu verfolgen.

aus der E-Mail

Ach, wie schade! Na gut, wir beschlossen, dennoch hinzugehen, um die Diskussion wenigstens auf einem Bildschirm zu verfolgen.

Wir saßen also um viertel vor Sieben am letzten Dienstag in der Caféteria der Deutschen Nationalbibliothek und warteten auf den Beginn. Ich hatte erfahren, dass wir auf Platz 87 und 88 (!) der Nachrückerliste stehen. Da würde die Wahrscheinlichkeit, dass wir noch in den Saal kommen, sehr gering sein.

Doch manchmal hat frau ja Glück:
Kurz vor 19 Uhr wurden die Namen von der Warteliste aufgerufen, die noch in den Saal konnten. Und tatsächlich, Schatzi und ich kamen rein! Klasse!
Viele von denen, die nur auf der Nachrückerliste standen, waren wohl gar nicht erst gekommen, so dass wir tatsächlich zum Zuge kamen.

Die Diskussion

Nach der Begrüßung durch die Generaldirektorin der Deutschen Nationalbibliothek, Elisabeth Niggemann, gab es zunächst eine kleine Vorstellungsrunde, bei der es auch schon gleich in die Diskussion ging.
Herta Müller erzählte, wie sie 1987 aus Rumänien in die Bundesrepublik kam und sich hier niemand für ihre Erlebnisse in der rumänischen Diktatur unter Ceaucescu interessierte, und viele noch nicht einmal wussten, was in Rumänien zur Zeit der Diktatur vor sich ging.
Im deutschen Auffanglager wollten die Beamten sie dazu bewegen, dass sie als Grund ihrer Ausreise Familienzusammenführung angibt, schließlich lebe ja ein Onkel von ihr in der Bundesrepublik. Außerdem wäre das viel einfacher, als die Einordnung als politisch Verfolgte.
Sie lehnte das jedoch ab, den Onkel kannte sie kaum. Sie bestand darauf, als politisch Verfolgte angesehen zu werden.

Ruth Klüger ergänzte, dass es vielen Emigranten nach ihrer Rückkehr aus dem Exil, in das sie während der Nazi-Diktatur geflüchtet waren, ähnlich ging. Im Deutschland der 50er, 60er Jahre wollte niemand mit deren Schicksal konfrontiert werden.
Klüger schrieb ihre biographische Erzählung weiter leben 1992 und der Verlag hatte Probleme damit, das Buch überhaupt in den Buchhandel zu bekommen, weil zu der Zeit die Meinung vorherrschte, es sei bereits alles zum Thema Nationalsozialismus, Verfolgung etc. gesagt worden.

Sylvia Asmus und Edita Koch berichteten ebenfalls von den Schwierigkeiten, den Exilanten in Deutschland Gehör zu verschaffen. An die berühmten Menschen – Thomas Mann, Nelly Sachs, Bertolt Brecht – erinnern sich viele, aber die große Mehrheit der Exilanten kennt niemand.

Herta Müller meinte außerdem, dass sie genug von diesen fürchterlichen Dokumentationen zum Thema Hitler und seine Hunde, Hitler und seine Kleiderbügel etc. pp. hat, darin würde zu sehr gemenschelt und Hitler sympathisch werden. Es sei Zeit, mehr über die Gegenseite und Widerständigen gegen Hitler zu erfahren.

Sie forderte vor ein paar Jahren in einem offenen Brief an die Bundeskanzlerin die Einrichtung eines Exilmuseums, um die Exilanten dem Vergessen zu entreißen. Dieses Museum solle sich nicht nur auf die Exilanten des Nationalsozialismus beschränken sondern auch nach und nach andere Exilantenschicksale mit aufnehmen.
Sie erhielt dazu große Zustimmung, auch wenn einige skeptisch waren, ob ein Museum der richtige Ort dafür sei.
Dieses Museum müsste ein lebendiger Ort der Erinnerung und Aufarbeitung sein.
Ruth Klüger merkte an, dass dieses Museum eine Einrichtung sein müsste, aus der die Besucher traurig herauskommen. Traurig über den Verlust an Kultur und Wissenschaft, den die jeweilige Gesellschaft durch die Emigration erlitten hat.
Es klang auch noch an, dass ein Museum bei der Erinnerung hilft. Besonders, weil es ja bald keine Zeitzeugen mehr geben wird, die Auskunft über die Schrecken der Nazizeit geben können.

Die Diskussion war spannend und aufschlussreich. Das Publikum hörte gebannt zu und hinterher kamen kaum Fragen. Es schienen sich alle einig zu sein, dass alles Notwendige in der Diskussion gesagt wurde.
Schatzi und mir ging es ähnlich.
Uns beiden hat der Abend sehr gut gefallen. Nur die Moderation und die Technik (die Mikros fielen ständig aus) waren nicht ganz so dolle.

Nach der Diskussion gab es noch die Möglichkeit, ein Autogramm von Herta Müller und Ruth Klüger zu bekommen.
Bücher gab es auch zu kaufen. (Ja, doch, ich habe gekauft 🙂 )
Herta Müller war zunächst verschwunden. Wir entdeckten sie dann auf dem Balkon, sie rauchte.
Schatzi und ich hin, damit wir sagen können:

Wir haben mit Herta Müller auf dem Balkon der Deutschen Nationalbibliothek eine Zigarette geraucht!

Und ein Autogramm gab es auch von ihr. Genau wie von Ruth Klüger.

Links:
Herta Müller
Ruth Klüger
Deutsches Exilarchiv der Deutschen Nationalbibliothek
Die Zeitschrift Exil
Volker Weidermann
Jochanan Shelliem