Jurorin für einen Buchpreis – Bücher lesen kann ganz schön anstrengend sein

Wie Ihr ja vielleicht letztes Jahr gelesen habt, waren Schatzi, Petra, die Tänzerin und ich in Washington, D.C. bei der Preisverleihung der Golden Crown Literary Society (GCLS) für die besten Lesbenbücher 2015 in verschiedenen Kategorien.
Da habt Ihr Euch bestimmt gefragt (oder auch nicht, ich beantworte die Frage jetzt trotzdem) wer denn diese besten Bücher ausgesucht hat?
Waren das die am meisten verkauften Bücher? Haben die Organisatorinnen der Veranstaltung die ausgesucht? Sind die auf den diversen Blogs, die es zur Lesbenliteratur im englischsprachigen Raum gibt, ausgewählt worden?
Nö, nö und nö.
Es gab eine schnöde Jury. Und die besteht aus an lesbischer Literatur interessierten Menschen, die sich alle für diese Aufgabe bewerben können und dann nach Beantwortung diverser Fragen, unter anderem zu ihrer Unabhängigkeit von den nominierten Büchern und deren Verlagen, ausgewählt werden.

Und da hatte ich doch, noch in meinem Enthusiasmus aufgrund der wunderbaren Veranstaltung in Washington, die „großartige“ Idee, mich selbst für die Jury zu bewerben. Was soll ich noch sagen: ich wurde ausgewählt. Da war ich ja schon eine Runde platt. Wirklich damit gerechnet hatte ich nicht.

Na gut. Auf ins Abenteuer.

Bevor ich Zugang zu den Büchern auf dem Jury-Portal der GCLS bekam, musste ich erst an einer Schulung teilnehmen. Dabei handelte es sich um ein Webinar, in dem die Teilnehmerinnen Informationen über die Tätigkeit als Jurorin erhielten und auch Fragen dazu stellen konnten.
Z.B. über die Verpflichtung zur Geheimhaltung. Dass wir nicht über unsere Bewertungen der Bücher sprechen oder schreiben, welche Kategorie uns zugeteilt wurde und dass wir erst nach der Preisverleihung bei der Konferenz überhaupt bekannt machen dürfen, dass wir in der Jury waren.

Es ging natürlich auch um die Herangehensweise. Ein Buch zur Unterhaltung zu lesen ist was anderes, als unter dem Aspekt zu lesen, dass ich hinterher eine Bewertung abgeben werde. Okay, ich rege mich beim Lesen sowieso schon mal über Rechtschreib- und Grammatikfehler, unlogische Wendungen in der Geschichte oder unglaubhafte Charaktere auf. Aber jetzt kam halt noch dazu, dass ich das auch gut begründet schriftlich kommentieren musste. Bin ich jetzt eine Korinthenkackerin, wenn ich das Buch schlechter bewerte, nur weil zwei Rechtschreibfehler drin waren? Ist das gerechtfertigt?
Und in dieser Schulung und den dazugehörigen Dokumenten wurde mir erst mal richtig klar, dass es ganz schön viele Dinge gibt, worauf zu achten wäre:
– Formatierung
– Charakterzeichnung
– Dialoge
– Erzählstruktur
– genre-spezifische Kriterien (ein Krimi sollte schon Krimi-Elemente enthalten und ein historischer Roman in der Vergangenheit spielen 🙂 )
und anderes mehr.

Und natürlich ganz wichtig: der lesbische Inhalt. Kommen in dem Buch Lesben vor, gibt es lesbische Beziehungen oder geht es in dem Buch um lesbische Themen oder Lesbenleben? Fehlt dieser Bereich, wird das Buch gar nicht erst zugelassen. Und dann kommt es darauf an, was die Jurorin dazu meint.

Wie werden die Bücher ausgewählt, die dann gelesen und bewertet werden?

Wie schon gesagt, der lesbische Inhalt ist das Wichtigste.
Dann muss das Buch zwischen dem 01. Januar und 31. Dezember eines Jahres erschienen und erwerbbar sein. Egal, ob im Buchladen oder online.
Es müssen Erstauflagen sein. Neuauflagen sind nicht zugelassen. Und es muss in Englisch geschrieben sein.
Das Buch muss entweder als E-Book oder als Papierbuch zur Verfügung gestellt werden. Von letzterem mindestens 5 Exemplare und eine Gebühr wird auch fällig. (Das bedeutet natürlich, dass es in der Regel die Verlage sind, die ihre Bücher nominieren.)
Das sind die wichtigsten Kriterien.

Ach ja: einen Einsendeschluss gibt es natürlich auch. Je nachdem, wann im Jahr das Buch erschienen ist, muss es bis zu einem bestimmten Termin eingereicht werden. Sonst könnte es passieren, dass fast alle Bücher erst sehr spät im Jahr oder gar am Anfang des nächsten Jahres eingereicht werden und das bedeutet Stress für die armen Jurorinnen, denn auch die haben eine Deadline (15. April des nächsten Jahres, also 15. April 2017 für Bücher aus 2016).

Ende September, Anfang Oktober ging es dann mit den ersten Büchern los.
Da ich ja in Deutschland wohne und die Golden Crown Literary Society in den USA sitzt, bekam ich E-Book-Versionen der vorgeschlagenen Bücher über eine spezielle Internetseite zur Verfügung gestellt. Es wäre einfach zu teuer gewesen, mir einen Haufen Papierbücher zu schicken. Denn in einzelnen Kategorien werden schon mal locker über 30 Bücher nominiert, die von jeder Jurorin in dieser Kategorie gelesen werden müssen und das würde ganz schön ins Porto gehen.

Ich oute mich hiermit übrigens als E-Book-Novizin. Vor dieser Aufgabe als Jury-Mitfrau hatte ich erst ein Buch in der E-Book-Version gelesen und das auch am Rechner und nicht auf einem Reader.

Nun ja, für das Lesen von mehr als 25 Büchern kam mein Schlepptop nicht in Frage. Ganz abgesehen davon, dass ich den schon gar nicht mehr hatte. Es musste also ein Reader her.
Ich habe dann auch bald einen gefunden und konnte mit dem Lesen beginnen.

Die Bücher waren von sehr unterschiedlicher Qualität. Manche waren super toll, spannend und sehr gut geschrieben, manche hatten eine tolle Grundidee, waren aber nur mäßig und dann gab es auch noch richtig schlechte, durch die ich mich durchquälen musste. Es war sogar eins dabei, bei dem ich mich die ganze Zeit fragte: „was hat das in dieser Kategorie zu suchen?“ Ich habe mich dann die Koordinatorinnen gewandt und sie darauf hingewiesen. Ich war aber wohl nicht die Erste, die sich darüber gewundert hatte. Leider hatte wohl die Autorin darauf bestanden, in dieser Kategorie nominiert zu werden und die Koordinatorinnen bestätigten dann meine eigene Einschätzung, dass ich dieses Buch schlechter bewerten müsste, da es ja nicht die genre-spezifischen Anforderungen, die es in dieser Kategorie gab, erfüllte.

Ich las zu jeder Gelegenheit. Auf dem Weg ins Büro, auf der Toilette, beim Zähneputzen, wenn ich von meinem Schreibtisch aufstand und in die Küche ging, um mir was zu trinken zu holen. Mit der Zeit wurde das Ganze schon anstrengend. Insbesondere natürlich bei den schlechteren Büchern. Und normalerweise lese ich ganz gerne mehrere Bücher gleichzeitig, die in der Regel sehr unterschiedlich sind. Also auf dem Weg ins Büro schon mal eine Biografie, beim Zähneputzen ein Sachbuch und zwischendurch dann noch einen Roman. Das ging jetzt leider gar nicht und so wurde mein SUGB (Stapel ungelesener, gedruckter Bücher) überhaupt nicht kleiner.
Mehr als 25 Bücher in fast sieben Monaten klingt jetzt erst mal nicht so viel. Aber Ihr dürft dabei ja nicht vergessen, dass Autorinnen lesbischer Literatur häufig einen Hang zu epischer Breite haben. Und die Englischsprachigen bzw. Englischschreibenden schon mal ganz und gar. 🙂

Aber das Ganze hat auch Spaß gemacht. Sich mal so richtig ausführlich mit Lesbenliteratur und deren Qualität auseinanderzusetzen, wann macht Lesbe das schon?

Ein paar Tage vor der Deadline hatte ich es dann endlich geschafft. Alle Bücher waren gelesen, alle Bewertungen in die Datenbank eingegeben und ich hatte plötzlich wieder Zeit, das zu lesen, was ich wollte.
Es ist schon komisch: erst dieser Druck, nur die vorgegebenen Bücher lesen zu können und dann es zu bedauern, dass es vorbei ist. Das berühmt-berüchtigte Loch, das nach der Erledigung einer größeren Aufgabe auftaucht. Das kannte ich noch aus meiner Zeit als Theater-Regisseurin. Nach der Premiere war ich immer ziemlich leer im Kopf und gleichzeitig davon überzeugt, dass ich doch noch irgendwas machen muss.

Als dann im Juli die Preisverleihung während der diesjährigen Konferenz in Chicago stattfand, habe ich mich riesig gefreut, dass meine Lieblingsbücher gewonnen hatten!
Die E-Books durfte ich behalten. Weiterverkaufen natürlich nicht. Ich habe aber die Bücher, die ich nicht leiden konnte, wieder vom Reader runtergeschmissen. Der liegt übrigens jetzt erst mal für eine Weile im Bücherregal. Jetzt ist wieder Papier angesagt. Wer weiß, vielleicht wird dat arme Ding ja mal wieder hervorgekramt, falls ich sowas noch mal machen sollte. 🙂