Lesbischer Herbst 2012 – Unsichtbar: Fluch oder Segen? 9. – 11. November in Frankfurt am Main – der Samstag

Der Samstag morgen begann mit einer kurzen Einleitung zum Thema Unsichtbar – Fluch oder Segen? und der Frage: Sind wir zur Unsichtbarkeit verdammt? Welche Auswirkung hat die Unsichtbarkeit auf Junglesben, Frauen auf der Suche nach ihrer Identität und Lesben, die nicht in einer größeren Stadt wohnen und daher leichter Zugang zu Einrichtungen für Lesben haben?

Im ersten Vortrag von Elke Amberg ging es um die vorhandene Darstellung von Lesben in den Medien.
Es gibt viele Studien und Betrachtungen zu Lesben in Film und Fernsehen, aber kaum eine zur Darstellung in den Printmedien.

Elke Amberg, Journalistin und PR-Frau aus München hat das Buch Schön! Stark! Frei! – Wie Lesben in der Presse (nicht) dargestellt werden geschrieben.
Dafür hat sie vier Münchner Zeitungen nach Berichten über Lesben durchforstet, beschränkt auf sechs Monate in 2009.
Sie stellte dabei fest, dass in Artikeln über Lesben und Schwule am häufigsten schwule und heterosexuelle(!) Männer zu Wort kommen. Frau Amberg entdeckte keine einzige Überschrift mit dem Begriff Lesbe oder lesbisch und bebildert werden die Berichte in der Regel mit Fotos von Männern.
Sie berichtete weiterhin, dass der Anteil der Artikel über Lesben in der letzten Zeit zwar zugenommen hat, aber nur dadurch, dass jetzt verstärkt über Regenbogenfamilien und die Gleichstellung mit der Ehe berichtet wird (siehe u.a. Die Zeit)

Fragen, die dazu aufkommen, sind:
Ist das die Darstellung, die wir wollen? Wollen wir alle als Mütter wahrgenommen werden? Haben Lesben nur über die Mutterschaft die Chance, von der Gesellschaft wahrgenommen zu werden?
Oder wollen wir so wie die Schwulen dargestellt werden? Kostümiert, definiert weitestgehend über unsere Sexualität?

Elke Amberg erwähnte übrigens noch: Obwohl der Anteil der Frauen in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft in den letzten Jahren angestiegen ist, wird dennoch nicht häufiger als früher über sie berichtet.
Schon seltsam, oder?
Und sie stellt durchaus auch einen Backlash in den Medien fest. Lesben werden häufiger als früher als Emanzen verunglimpft, wenn sie denn nicht gerade Mütter sind.

Danach kam Dr. Marie Sichtermann von Geld & Rosen.
Sie begann mit einem Vergleich.
Wie im Buch Die Nebel von Avalon die Insel Avalon hinter einem Nebel verborgen liegt und von denen, die nicht wissen, dass es diese Insel gibt, nicht gesehen wird, wissen anscheinend viele heterosexuelle Menschen nicht, dass es Lesben bzw. eine lesbische Welt gibt.
Ein schöner Vergleich, wie ich finde.

Ich blättere gerade meine Zettel durch und stelle dabei fest, dass ich mir ziemlich viele Notizen gemacht habe. Deswegen schreibe ich hier einfach mal das hin, was ich zu Frau Sichtermanns Vortrag notierte.

Und die Frage an uns ist jetzt: Wieviel wollen wir zeigen? Was wollen wir zeigen?
Wir sollten bestimmen, was wir zeigen wollen und nicht die Heteropresse.
Es ist der Lesbenbewegung, bzw. den Lesben nicht gelungen, den Begriff Lesbe positiv zu wenden.
Lesbe ist ein Opferwort, das bei jüngeren frauenliebenden Frauen nicht sehr beliebt ist.
Das Wort wird vermieden.
Welches Wort wäre besser? Wollen wir ein anderes Wort?

Lesben sind nicht auf Anhieb erkennbar.
Unser lesbisches Leben ist hinter einem Nebel verborgen und versteckt.
Schafft das auch Freiräume?

Lesben der Siebziger Jahre wollten sich nicht integrieren, sie waren bestrebt, autonom zu leben.
Diese Kultur der Autonomie wird nicht mehr genährt, sie schrumpft.
Wollen wir uns normalisieren?

Wir können uns ruhig in der Öffentlichkeit küssen, es guckt ja doch keiner!

Das Geschenk des Lebens ohne Mutterschaft, für das die Lesben in den früheren Jahrzehnten gekämpft haben, wird nicht mehr angenommen.

Die eigene Kultur sollte gestärkt werden.
Sie ist nicht spektakulär, sondern fein.

Ist es möglich, das sichtbar zu machen?

Lesben wagten den Ausbruch aus der symbolischen Ordnung des höher stehenden Mannes.
Singles wurden bei den Lesben besser anerkannt. (Hat sich das heute gewandelt?)
Heute spielen Klassenunterschiede auch bei Lesben wieder eine Rolle.
Woher kommt das?
Wie lässt sich das umkehren?

Oh je, ich sehe gerade, dass meine Notizen gleich weitergehen zur Diskussionsrunde am Nachmittag.
Nach der einstündigen Mittagspause mit sehr leckerem Essen haben wir uns für den Nachmittag in verschiedene Gruppen aufgeteilt:

– Vertiefung der Diskussion über die (Un-)Sichtbarkeit von Lesben
– Lesbische Identität gestalten – Spielraum schaffen
– Lesbisch und kinderlos. Bewusste Wahl mit Folgen
– Lesben mit Kindern. Freude und Schmerz wohnen zusammen
(Die Gruppen Und was ist mit Sex? und Lesben und Internet – Chancen nutzen, Risiken minimieren kamen nicht zustande.)

Ich war in der ersten Gruppe – die auch die größte war -, Schatzi in der vierten.
Aus Schatzis Gruppe möchten wir nicht berichten, das Thema war doch sehr persönlich. Nur so viel: was Kinder – auch erwachsene Kinder – ihren Müttern, die sich ihren Kindern gegenüber outen, alles an den Kopf schmeißen können, ist unglaublich und doch wahr.

Meine weiteren Notizen zum Thema Sichtbarkeit – Unsichtbarkeit:

Wir brauchen Hilfs- und Unterstützungssysteme für Leben, die im Alltag diskriminiert und gemobbt werden.
Wir sollten sichtbar sein, für alle Frauen, die lesbisch empfinden, egal welchen Alters.
Sind wir heute sichtbarer als früher?
Sichtbarkeit als Bewertung des Lesbisch-seins.
Sichtbarkeit kann auch Spaß machen.

Viele Lesben segeln unter der Frauenfahne.

Brauchen wir eine professionellere Herangehensweise an die Öffentlichkeitsarbeit?
Was ist mit unserer Vorbildfunktion?

Ich war positiv überrascht, wie viele Lesben, auch von den Späterblühten – den Late Bloomers – für einen offenen Umgang mit ihrem Lesbisch-sein plädiert haben und auch schon viel für diese Offenheit tun. Und von Denjenigen, die noch nicht so viel machen, gab es doch einige, die sich vornahmen, jetzt auch in ihren Heimat-/Wohnorten etwas ins Leben zu rufen, dass die Sichtbarkeit von Lesben erhöht. Und sei es so was Simples wie Ladies Takeover Friday.

Wir waren dann auch die Gruppe, die am längsten diskutiert hat und auch noch stundenlang hätte weitermachen können.
Aber irgendwann muss ja auch mal Schluss sein.

Zum Abschluss des Tagungsteils kamen wir dann noch kurz wieder in der großen Runde zusammen und berichteten uns gegenseitig aus den Gruppen, bzw. unsere Gruppe berichtete.
Zum Abendessen ging es ins IB-Hotel Best Western an der Friedberger Warte zu einem reichhaltigen Buffet und klasse Musik von Tine Lott. Es wurde gegessen, getrunken, gesungen und getanzt. Und wir hatten noch sehr viel Spaß.

Fortsetzung folgt.

____
weitere Links zu Take over Friday
Mainz (lesbisch-schwul gemischt)
Stuttgart

1 Antwort zu “Lesbischer Herbst 2012 – Unsichtbar: Fluch oder Segen? 9. – 11. November in Frankfurt am Main – der Samstag”

Kommentare sind geschlossen.