LFT 2012 in Nürnberg 25. – 28. Mai, Sonntag

Kommen wir nun zum Sonntag.

Los ging es heute morgen um 10 Uhr mit dem Mittelplenum.

Kleine Zwischenbemerkung: ich humpel jetzt schon viel besser! Kein Wunder, ich habe ja auch gestern den ganzen Tag geübt! 😀

Im Mittelplenum kann erstes Lob und erste Kritik am aktuellen LFT angebracht werden.
Schatzi und ich waren sehr überrascht, dass es gar keine Kritik gab.
Nicht, das wir Kritik für nötig gehalten hätten, aber ich habe bisher noch nie ein LFT ohne Kritik erlebt.

Selbst die Begrenzung der Teilnehmerinnenzahl wurde durchaus positiv gesehen.
Alle, inklusive der Orga-Frauen wirkten viel entspannter als sonst.
Die Orga-Frauen wurden denn auch sehr gelobt für das schöne Treffen.
Eine Frau merkte nur an, dass trotz der Teilnehmerinnenbegrenzung und der damit verbundenen reduzierten Bewerbung des LFTs die Aussenwirkung nicht leiden darf. Dass zum Beispiel unbedingt Presseerklärungen herausgebracht werden sollten.

Unsere gestern diskutierten Vorschläge der Entlohnung und den Umgang mit der Männerproblematik in Bezug auf Technik etc. wurden eingebracht und lösten erstaunlicherweise keine Riesendiskussion aus.
Grundstimmung war, zuerst sollte versucht werden, alle Aufgaben in Lesben/Frauenhände zu geben, aber nicht um jeden Preis.
Beschlossen wurde das nicht, Beschlüsse faßt nur das Abschlußplenum.
Wenn ich da schon bei bin: eine der LF-Frauen erwähnte, dass eine Lesbe darum gebeten hatte, dass bei teilnehmerinnenbegrenzten LFTs keine Beschlüsse gefaßt werden. Das löste nicht nur bei den Nürnberger Orga-Frauen einen kleinen Sturm der Entrüstung aus.
Es kann schließlich nicht sein, dass nur, weil mal nicht ganz so viele Lesben auf dem LFT sein können oder sein wollen (letztes Jahr in Rostock waren es ja trotz Nicht-Beschränkung auch nur 450 Frauen), plötzlich keine Beschlüsse mehr gefasst werden dürfen und es damit LFTs erster und zweiter Klasse gibt.

Ein weiterer Diskussionspunkt war die gestrichene Förderung der Barrierefreiheit durch das Bundesfamilienministerium.
Einige Lesben setzten sich hinterher zusammen und haben einen gemeinsamen Protestbrief verfasst, der vom Abschlußplenum abgesegnet und ans Ministerium und an die Antidiskriminierungsstelle in Berlin geschickt werden soll.

Anschließend war ich im Erzählcafé Und wir nehmen uns das Recht! zur Gründung der Lesbenbewegung in Berlin.

Monne und Maria erzählten ausführlich von ihren Erlebnissen und Aktionen in der Homosexuellen Aktion West-Berlin und im Lesbenaktionszentrum von 1972 bis 1976.
Es waren auch relativ viele Junglesben da, die viel nachfragten und sehr wißbegierig waren. Ich selbst wußte zwar schon einiges über die Anfänge in Berlin, doch es von zwei Lesben zu erfahren, die dabei waren, ist ja doch was anderes.
Besonders diskutiert wurden die Selbstbezeichnungen der Frauen damals.
Sie sahen sich in der Regel nicht als Lesben sondern als schwule Frauen.
Dazu muss Lesbe wissen, dass Anfang der 70er Jahre Lesben als psychisch gestört galten und in die Klappse gehörten, während Schwule „nur“ kriminell waren.
Da ist doch zu verstehen, warum der Begriff Lesbe/lesbisch abgelehnt wurde.

Monne berichtete dann noch, dass sie in Vorbereitung auf die Veranstaltung Schwierigkeiten hatte, die Fotos und Dokumente zeitlich richtig einzuordnen. Denn sie haben damals eher daran gedacht, Aktionen, Proteste und Weltverbesserung zu betreiben, als zu dokumentieren, was sie machten.
Besonders tragisch ist in diesem Zusammenhang der Tod einer Mitstreiterin vor ein paar Jahren, die sehr viel Material zusammengetragen hatte und dabei war, die Geschichte der Lesben aufzuschreiben. Sie hatte leider nicht testamentarisch verfügt, was mit diesem Teil ihres Nachlasse passieren soll und ihre nicht geoutete Freundin hat dann nach ihrem Tod alles vernichtet! (Es durfte ja niemand etwas von deren Lesbisch-sein wissen).

Schatzi hat übrigens versprochen, dass sie über die von ihr besuchten Veranstaltungen einen Beitrag schreiben wird, wenn wir wieder zuhause sind. Ihr liegt diese Minitastatur meines Delta-Flyers (mein Netbook) nicht so. Ich werde sie beim Wort nehmen!

Abschließend war ich im Workshop „Lesbenrechte sind Menschenrechte“, der von einer Mitarbeiterin des Nürnberger Menschenrechtsbüros (übrigens dem einzigen in Deutschland) gegeben wurde.
Wir waren nicht sehr viele Teilnehmerinnen, aber wir haben uns sehr gut über die Menschenrechte an sich und was sie überhaupt bedeuten unterhalten.

– Die Menschenrechte sind der Freiheitsanspruch einer einzelnen Person gegenüber dem Staat und gelten von der Geburt bis zum Tod. Nicht davor und nicht danach.

– Nur der Staat kann sie verletzen.

– Das Recht auf Leben, das Verbot der Folter und das Verbot der Sklaverei sind die einzigen drei der dreißig Artikel, die nicht ausgesetzt werden können.

– Sie sind einklagbar bis hoch zur UNO

– Alle und insbesondere die Staaten sind dazu verpflichtet, die Menschenrechte zu schützen und entsprechende ergänzende und vertiefende Gesetze zu erlassen und zu überprüfen.
Daraus ergibt sich auch

– die Fürsorgepflicht des Staates.

Die Menschenrechte stehen über den Kulturen, Religionen und Sitten eines Landes und können nicht dadurch mal eben abgewandelt oder ausser Kraft gesetzt werden.
Menschenrechte sind demzufolge auch Lesbenrechte, wie halt Lesbenrechte auch Menschenrechte sind und die Staaten dazu verpflichten, auch Lesben Schutz und Anerkennung zu gewähren.

Ein weites Feld, ein intensives Thema, das der näheren Betrachtung lohnt.
Zum Abschluss gab es ein kleines Heftchen mit den Artikeln der Menschenrechtserklärung, das ich noch gründlich studieren werde.

Nu reicht es aber für heute.
Wie gesagt, das Abendprogramm haben wir ausgelassen.
Schatzi und ich waren noch in einem mexikanischen Restaurant in der Stadt, in dem sie mal wieder nicht wußten, dass in die saure Sahne zum Essen keine 28 Knoblauchzehn gehören sondern gar keine!
Da mußten wir dann noch mal schnell ein Eis im Eiscafé Sirena essen.
Das schmeckte, wie es sich gehört, völlig knoblauchfrei.

Morgen gibt es dann noch den Bericht vom Abschlußplenum und in den nächsten Tagen weitere Beiträge von Schatzi und mir.
Bis dann.