LFT 2012 in Nürnberg – Workshopbericht 2 von Schatzi

Das Nibelungenlied – eine feministische Streitschrift
Referentin: Samirah

Das berühmte Nibelungenlied, der Heldenepos um Siegfried und den Drachen, wurde – das ist bekannt – ziemlich genau um 1200 geschrieben – aber von wem nur?
Für die AutorInnenschaft gibt es auch nach jahrzehntelanger wissenschaftlicher Suche keine Nachweise.

Eine Wissenschaftlerin namens Berta Lösel-Wieland-Engelmann hat 1980 einen Aufsatz mit dem Titel Verdanken wir das Nibelungenlied einer Neuenburger Nonne? verfasst. Dieser Aufsatz wurde auch in Luise Puschs Buch Inspektion der Herrenkultur veröffentlicht.
Eine tollkühne Idee – oder doch nicht ?

Hier ein paar Fakten:

Objektiv gesehen, ist Krimhild die Hauptfigur des Werkes. Sie ist Eigentümerin des Nibelungenschatzes, um den sie später betrogen wird. Krimhild war ihren 3 Brüdern (den Königen) völlig gleichgestellt.

Brunhild wird als Amazone dargestellt, deren Schild von 12 Männern getragen werden muss, das sie aber mit einer Hand halten kann. Auch ging sie zunächst mit ihrem Gatten Gunter so rabiat um, wie es viele Frauen zu dieser Zeit sicher gerne mal getan hätten.

Siegfried ist der Schönling, den alle wollen und der durch mehr oder weniger glückliche Umstände den Drachen besiegt.

Männliche Tätigkeiten wie Mit-Waffen-hantieren, kämpfen, Kriegshandwerk, Schiffsbau- und führung u.ä. wird nur in wenigen Sätzen und dürftigen Worten beschrieben – obwohl das Nibelungenlied doch ein Heldenepos sein soll und vor solchen Schilderungen nur so strotzen müsste.

Weibliche Tätigkeiten fanden in diesen gesellschaftlichen Kreisen und zu dieser Zeit fast ausschließlich in Kemenaten (den Frauengemächern) statt. Nur der Burgherr und einige wenige andere Männer der Familie hatten überhaupt Zutritt zu den Kemenaten.
Im Text des Nibelungenliedes werden jedoch weibliche Tätigkeiten (Kleider anfertigen, Ankleiden etc.) sehr ausführlich, wort- und detailreich geschildert – so, wie es nur ein Mensch beschreiben könnte, der schon einmal längere Zeit in einer Kemenate war (z.B. eine Frau).

Das Nibelungenlied wurde durch fahrende Sänger und Dichter im Land verbreitet. Diese mochten das Lied nicht gerne vortragen. Es war ihnen wohl unsympathisch. Aber das Publikum war davon begeistert und wollte es immer wieder hören. Und wer war wohl mit hoher Wahrscheinlichkeit das Publikum?
FRAUEN, denn die Männer waren ja meist auf Kriegszug und gar nicht anwesend. Sänger und Dichter dienten überwiegend der Unterhaltung von Frauen.

Es gibt einen 3. Teil des Nibelungenliedes: Die Klage. Dieser 3. Teil wurde nie ins Hochdeutsche übersetzt, da er vermeintlich literarisch minderwertig sein soll. In diesem 3. Teil wollte die Urheberin / der Urheber des Textes einer missbräuchlichen Interpretation der beiden ersten Teile vorbeugen und hat entsprechende Erläuterungen geschrieben.

Es gibt vom Nibelungenlied (Teil 1 + 2) drei Versionen:
C ist die älteste Abschrift und die feministischste
A + B sind jüngere Abschriften, in denen die heute feministisch zu nennenden Textstellen modifiziert oder gestrichen wurden.

Alles in Allem kann frau bei feministischer Lesart zu dem Schluss kommen, dass das Nibelungenlied vom Kampf um Frauenrechte erzählt. Wer hätte das gedacht?