München – Lernen, Kunst und Höllenspektakel

Alles begann damit, dass Schatzi eine Fortbildung zum Thema „ÜbersetzerInnen auf Messen“ in München gebucht hatte. Just zu dieser Zeit lief Neo Rauchs Ausstellung „Begleiter“ in Münchens Pinakothek der Moderne. Die wollte ich sehen. Schatzi nicht unbedingt. Passte also super.

Zufällig erzählten wir meinen Kindern von dem Trip nach München und der Ausstellung. Zu unserer Verblüffung erscholl ein großes Geschrei „Die will ich auch sehen, die will ich auch sehen“ von Quasi-Schwiegertochter Julie, der Liebsten meines erstgeborenen, männlichen Kindes. Mein zweitgeborenes, weibliches Kind Carmen stimmte dann –etwas weniger euphorisch- ein, dass auch sie die Ausstellung gerne sehen würde. Es wurde also erst mal verabredet, dass die beiden mit dem Auto nach München kommen und wir zusammen die Ausstellung anschauen. Aber -wie das bei vielen jungen Leuten heutzutage so ist- wer weiß schon, ob’s dabei bleibt.

Doch, oh Wunder… die Ladies standen früh auf und machten sich tatsächlich auf den Weg nach München.

Ich brachte Schatzi nach Ankunft unseres Zuges gegen 9:30 Uhr vom Bahnhof zum Ort des Seminars ganz in der Nähe, fuhr dann zur Pinakothek, um schon mal die Eintrittskarten zu holen (sonntags nur EUR 1,00 pro Person) und setzte mich dann in ein sehr nettes, ruhiges StudentInnen-Café in der Nähe, das später noch eine besondere Rolle spielen sollte. Und so las ich und las und las und las…. Mittags rief mich Schatzi an (freu, freu) und dann endlich gegen halb 2 auch die young ladies. Sie konnten nichts für die Verspätung. Ein Geisterfahrer hatte kurz vor München einen Stau verursacht.

Es war ein sehr warmer Tag. Nach der Ankunft waren Julie und Carmen dann doch ein wenig de-rangiert. Wir setzten uns erst mal in den Museumsgarten und tankten unsere Wasserreservoirs auf. Ich zeigte den beiden den Katalog mit den Bildern von Rosa Loy, deren Ausstellung Schatzi und ich zwei Wochen zuvor in Augsburg gesehen hatten. Rosa Loy ist die Ehefrau von Neo Rauch und leider noch nicht so berühmt und teuer wie er.

Dann ging’s rein in die Ausstellung. Zunächst einmal ist schon die Pinakothek selbst ein architektonisches Kunstwerk – riesige Hallen mit vielen breiten, langen Treppen, alles in Beton. Die Bilder waren sehr gut platziert. Neo Rauch malt ja überwiegend sehr großflächig (3×2 Meter oder gar 4×3 Meter). Um diese Werke zu einer angemessenen Wirkung zu bringen, sind sehr große, sehr hohe und sehr kahle Wände erforderlich. Insofern war es der perfekte Ausstellungsort.

Neo Rauchs Bilder sind wuchtig in Format und Darstellung. Wirklich „schön“ sind sie nicht, aber überaus beeindruckend. Das fanden auch die jungen Ladies. Die jüngeren Bilder (ab 2000) haben uns allen dreien besser gefallen als die älteren.

Zu meinem großen Erstaunen wollte Carmen dann unbedingt noch die Dauerexponate des Museums anschauen. Und so sahen wir noch Klee, Kandinsky, Kirchner und viele andere. Interessant war auch die Design-Abteilung mit Möbeln und Gebrauchsgegenständen.

Unter gequältem Stöhnen gingen wir dann durch das Museumsshop. Jede von uns hätte gerne locker ein paar Hunderter ausgegeben – wenn wir sie denn gehabt hätten; für tolle Bildbände, Design-Interiors und Plakate. Vernünftig, wie wir ja dann doch sind, wurden dann ein paar Postkarten gekauft. Selbst den Ausstellungskatalog von Neo Rauch (EUR 50,00) habe ich mir verkniffen (hat ja eine ISBN-Nummer – kann frau ja später noch kaufen).

Hungrig und durstig fuhren wir anschließend zum Sendlinger Tor und setzten uns in einen Biergarten. Inzwischen fing das WM-Spiel Deutschland gegen England an. In dem Biergarten links von uns saßen deutsche Fans. Im Irish Pub rechts von uns saßen englische Fans. Die links hatten mehr Grund zum Jubeln.

Dann ging’s mit der Straßenbahn zum Bahnhof um Schatzi vom Seminar abzuholen und noch gemeinsam Kaffee zu trinken. Da Carmen und Julie nicht so lange im Dunkeln fahren wollten, brachten wir sie bald danach zu der U-Bahnhaltestelle von der aus die beiden dann zum P+R-Parkplatz fuhren.

Schatzi und ich gingen dann über die Straße zu dem „schönen, ruhigen“ StudentInnen-Café, in dem ich morgens gelesen hatte. Das morgens noch nette Café war allerdings jetzt am späten Nachmittag kaum wieder zu erkennen. Auf insgesamt 6 Fernsehern wurde das WM-Spiel von 200 bis 300 Menschen verfolgt. Die letzten 10 Minuten haben wir noch mitgeschaut. Mit dem Schlusspfiff brach dann die Hölle los: Ohrenbetäubendes Geschrei, Vuvuzelas, Stampen und Hüpfen auf den Holztischen. Plötzlich zahlten alle auf einmal – die armen Kellnerinnen….Das Café lag an der Ludwigstraße, einer breiten, dreispurigen Ausfallstraße. Diese Straße füllte sich binnen weniger Minuten mit Hunderten von hupenden Autos und Tausenden von grölenden Fußgängern. Als ob das noch nicht genug wäre dröhnte aus den Lautsprechern stampfende Partymusik. Die Krönung dieser Szenerie war dann allerdings der Polizeihubschrauber, der laut knatternd keine 50 Meter über unseren Köpfen kreiste. Mit geschlossenen Augen hätte man meinen können, es sei Krieg. Der helle Wahnsinn….. Und das alles, weil Deutschland ganz unerwartet 4:1 gewonnen hatte.

Abends fuhren wir dann mit dem ICE nach Hause. Wir fühlten uns schier wie in einer Wellness-Oase. Es war ruhig und kühl und ging richtig zivilisiert zu. Welch eine Wohltat….

Da fiel uns siedend heiß ein, dass wir am Tag des WM-Endspiels ja in Berlin sein würden (zur Frida-Kahlo-Ausstellung). Wir schickten ein Stoßgebet zur Göttin, dass Deutschland nicht ins Endspiel kommen möge.
Inzwischen hat sie uns erhört, die Gute. Die deutsche Mannschaft ist gestern abend rausgeflogen – HURRA.