Nordkap – arg viel Natur 2002

Welche von Euch ist denn schon mal mitten in der Nacht in Norwegen gelandet ? Nun das ist -zumindest im Juli – ein besonderes Erlebnis.
Frau steigt um Mitternacht im Stockdunklen in Frankfurt in den Flieger und landet um 3.00 Uhr nachts im Taghellen in Tromso/Norwegen. Völlig irritierend… Alle Kneipen waren geöffnet. Die Stadt war voll von fröhlichen Menschen. Die Sonne schien. Wahrlich ein Erlebnis. Aber es sollte noch besser kommen. Aber zunächst durften wir uns mit ungewohnten Quälgeistern plagen. Der Himmel über der Stadt war voller riesiger, unglaublich frecher Möwen vor denen frau sich wirklich in Acht nehmen musste. Die flogen regelrecht Angriffe auf Menschen und ließen sich kaum verjagen.
Auf unserem Weg zum Nordkap gab es arg viel Natur zu bestaunen – und das uns, die wir doch zu der überaus seltenen Spezies der Nicht-Wanderlesben gehören. Wir besitzen kein einziges Kleidungsstück von JACK WOLFSKIN oder einem seiner Konkurrenten. Ich bin stolze Nicht-Eigentümerin eines Rucksacks. Schatzi 1 besitzt einen kleinen Rucksack, der lediglich zum Transport von Wasserflaschen und zur Aufnahme von Souvinirs aus schönen Städten dient. Das gute Stück hatte bisher noch nie einen Wald oder gar eine Tundra gesehen. Und jetzt fährt der gute Rucksack mit uns durch die kargen Kiefernwälder Finnlands und durch tundrische Ödnis. Aber – immerhin: Zwischendurch haben wir dann doch mal eine Silberschmiedin in ihrer Werkstatt besucht und eine Führung durch das Informationszentrum der Samen gemacht (finnische Volksgruppe). Was für eine Wohltat – endlich KULTUR ! Dann gleich wieder die Überdosis: Eine Übernachtung in Alta – in urigen Holzhäuschen direkt am See. Die meisten Lesben, die wir kennen, wären in schieres Entzücken ausgebrochen. Wir nicht … Da es in diesem Kaff am Ende der Welt sonst nichts zu tun gab, gingen wir halt notgedrungen am See spazieren und siehe da…. Wie für uns arrangiert, gab es dort etwas sehr Interessantes zu sehen. In einem Meer von hoch-stiligen pinkfarbenen Weidenröschen standen alte rostige Maschinen und Maschinenteile einfach so in der Landschft rum. Wir versuchten langwierig und wortreich zu erraten, welchem Zweck diese Teile wohl mal gedient haben mochten, konnten jedoch zu keiner rechten Vorstellung dazu gelangen. War schon spannend… und bizarr….

Meine Lieblingsbeschäftigung bei Fotostopps und Pippi-Pausen war das „Steinefrauen-Bauen“. Überall an den Seen und Flüssen liegen hübsche hell- bis dunkelgraue, flache Steine rum. Und viele Menschen, Einheimische wie Touristen, nutzen die Gelegenheit, diese Steine aufeinander zu stapeln und so Figuren entstehen zu lassen. Klingt simpel, macht aber echt Spaß. Wir könnten ein ganzes Museum mit Steinefrauen-Fotos bestücken.

Ach ja, und dann die Rentiere (bevor ich’s vergesse). So eine Ausgeburt von Trägheit und Phlegma kann – zumindest im Tierreich- bestimmt nur noch von einem Faultier getoppt werden. Ihr müsst Euch vorstellen: Der Bus fährt (mal wieder) an einem See entlang auf einen Gebirgstunnel zu. Am Eingang des Tunnels liegen 10 Rentiere. Erstmal alle im Bus „begeister, begeister“. Es wird fotografiert was die Linsen aushalten. Nach einer Weile flaut die Begeisterung ab und alle sind bereit zum Weiterfahren. Die Rentiere indes haben sich in all der Zeit keinen Zentimeter bewegt und gedenken dies auch nach noch so wilder Schreierei, Huperei und sonstigen Hampeleien, nicht zu tun. So steht der Bus vor dem Tunnel bis die Ladies und Gentlemen Rentiere vielleicht mal Hunger oder Durst kriegen und endlich abzischen. Nein, sorry, „zischen“ ist das völlig falsche Wort. „Gemächlich dahin schlurften“ trifft’s eher. Nur keinen Zahn zulegen. Es handelt sich ja schließlich nur um diese komischen Zweibeiner mit ihren stinkenden fahrenden Untersetzern.
Solche Szenen geschahen in mehr oder minder drastischer Ausprägung mindstens 1x täglich – das „Wir-warten-auf-Rentiere“-Ritual. Und womit hab ich mir während der Warterei die Zeit vertrieben ? Richtig – mit Steinefrauen-Bauen.
Der Höhepunkt der Reise war natürlich der Besuch des eigentlichen Nordkaps. Und das ging so:
Nördlichste Ansiedlung ist die Kleinststadt Honnigsvag, ein paar Häuser, ein paar Geschäfte und ein riiiiiesiges Hotel, in rotem Holz gebaut. Drumherum Wollgras, Flechten und Steine – sonst nichts. Nachts um 1.00 Uhr fuhr der Bus vom Hotel-Parkplatz direkt auf die steile Straße nach oben. Und „nach oben“ heißt: Kahle Hügel, steile Kurven, kein Wollgras mehr. Eine Fahrt zum Dach der Welt – genau dieses Gefühl hatte ich. Und das Ganze bei strahlendem Sonnenschein – wohlgemerkt, nachts um 1. Das Ziel war ein sehr großes Plateau mit einem Parkplatz für mehrere hundert Busse und ebenso viele Autos. Dann ein Gebäudekomplex mit Café, Restaurant, schicker Bar und Souvenirshop. So was muss ja sein…
Und dann endlich – eine gigantisch große Terrasse, die sicherlich 2.000 Menschen oder mehr Platz bot. Am Ende der Terrasse ein Zaun. Schaut frau über den Zaun abwärts, sieht sie Felsen im 90 Gradwinkel und Meer -soweit das Auge reicht- im glitzernden Sonnenschein. So standen wir an diesem Zaun und bestaunten das atemberaubende Schauspiel: Direkt vor uns neigte sich die Sonne von links kommend in Richtung Wasseroberfläche, touchierte die Wasserlinie ganz leicht und stieg dann -jetzt rechts von uns- wieder hoch. Als sie begann, wieder zu steigen, jubelten die Menschen auf der Terrasse – so als hätte ernsthaft die Gefahr bestanden, dass sie für immer im Meer versinkt. Wir haben auch gejubelt. Mensch kann, glaube ich, gar nicht anders. Dieses Gefühl von Begeisterung über die Erhabenheit und Schönheit des Anblicks, diese Freude über den (pathetisch ausgedrückt) „ultimativen Sieg des Lichts über die Dunkelheit“ muss sich einfach Bahn brechen. Ich wünschte, dass alle Menschen auf der Welt diesen Moment einmal erleben könnten.

Besonders schön waren auch die Lofoten. Als das Schiff auf die Inselgruppe zufuhr, hätte ich schwören können, dass ich mich in der grandiosen Kulisse von „Herr der Ringe“ befinde. Es sah genauso aus – wunderschön. Im Hauptort der Inselgruppe, Henningsvaer, gab’s ein sehr gutes Kunstmuseum – überwiegend nordische Landschafts- und Alltagsmalerei – in großartiger moderner Holzarchitektur gezeigt. Endlich wieder was für meine kunstgierige Seele. Aber dieser Tag ist uns aus einem ganz anderen Grund in unvesslicher Erinnerung. Zum Mittagessen gab’s die bis heute teuerste Pizza, die wir je gegessen haben. In einem kleinen Bistro am Hafen, eine ganz normale -wenn auch gute- Pizza kostete sage und schreibe 22 Euro (natürlich in norwegischen Kronen). Da blieb uns echt die Luft weg. Wir haben das teure Stück natürlich auch fotografiert.

Ein solch wertvolles Teil muss ja für die Nachwelt festgehalten werden, nicht wahr ?
Generell ist zu sagen, dass Norwegen wahnsinnig teuer war und ist. Der Pizzapreis war für norwegische Verhältnisse völlig normal. Die Einheimischen haben beim Kauf noch nicht mal gezuckt.
Unsere Reise hat insgesamt 12 Tage gedauert. Und zu jedem Abendessen (wir hatten Halbpension) gab es Lachs – Lachs geräuchert, Lachs gedünstet, Lachs gebraten, Lachs in Senfsauce, in Dillsauce, in Käsesauce, Lachs gegrillt, Lachs gekocht, Lachs in Suppe, Lachs im Auflauf. Nur ein einziges Mal gab’s Rentiergulasch mit Preiselbeeren. Hey Frauen, ich liebe Lachs wirklich sehr, aber auch ich habe nach dieser Reise ein halbes Jahr lang keinen Lachs mehr gegessen. Aber das war ja durchaus nicht das Schlimmste für mich. Zum Lachs gab es entweder Dosengemüse oder gefrorenes Gemüse und nie, niemals Salat. Ansonsten essen norwegische Menschen in kantinenartigen Schnellrestaurants mit Selbstbedienung – eine Esskultur, die in ihrem Niveau und ihrer Qualität mit Großbritanien vergleichbar ist. In den wenigen guten Restaurants (mit Bedienung) hätte ein Essen für 2 ein Vermögen gekostet – völlig undenkbar.
So hatten wir schon auf dem Nachhauseweg einen regelrechten Hype auf alles, was nicht Lachs und frisch ist.
Alles in Allem eine großartige Reise mit tollem Wetter (durchschnittlich 20 Grad), die wir allen naturliebenden Frauen nur ans Herz legen können.
Ein gut gefülltes Sparkonto wäre dabei von großem Vorteil.
Stöhn….