Ostsee und Berlin – der Samstag

Heute ist meine Liebste ja den ganzen Tag auf dem Kongress. Ich fuhr also zunächst – wie ich es mir vorgenommen hatte – zum Jugendstil- und ArtDeco-Museum Bröhan – gegenüber dem Schloss Charlottenburg. Es entstand aus der Stiftung des Herrn Bröhan, der das Haus auch bis zu seinem Tod 2000 geleistet hatte. Dort gab es eine sehr schöne Sammlung Glaskunst, viel Porzellan und sogar komplette eingerichtete Zimmer zu sehen. Sehr interessant, aber man könnte noch viel am Display und an der Präsentation verbessern. Alles wirkt ein wenig ältlich und verstaubt. Jugendstil und ArtDeco sind ja sehr populäre Themen, die man in einem so tollen Gebäude grandios inszenieren könnte. Natürlich habe ich mich auch nach KünstlerINNEN erkundigt. Vor einigen Jahren gab es eine Ausstellung von drei Silberschmiedinnen – „Frauen-Silber“. Und im nächsten Jahr wird es wohl wieder eine Ausstellung von Frauen aus dieser Stilepoche geben. Leider gab es ja zu dieser Zeit nicht sehr viele Künstlerinnen.

Dann dachte ich mir „Wie kannst Du diesem Marathon-Wahn in Berlin entfliehen?“ Ich hatte keine Lust, durch die allgegenwärtigen Menschenmassen zu gurken. Da kam mir die geniale Idee, nach Potsdam zu fahren. Nur eine halbe Stunde mit der S-Bahn. Am Bahnhof wurden Stadtrundfahrten mit Retro-Bussen angeboten. Ich also rein in den Bus und los ging’s.

Zunächst dachte ich „Keine schöne Stadt“ – überall restaurierte, preußische Gebäude neben restaurierten Plattenbauten. Sah irgendwie komisch aus. Aber dann ging’s zum Schloss Sanssouci – eine prächtige Anlage mit einem Wahnsinnspark und vielen sehr schönen Nebengebäuden (Orangerie, Botanische Gärten mit alten Glashäusern, das entzückende Wohnhaus des Meistergärtners).

Nach einem halbstündigen Fotostopp mit Erläuterungen der Stadtführerin ging’s weiter durch die „Verbotene Stadt“. Dort war zu DDR-Zeiten das KGB-Hauptquartier angesiedelt, das KGB-Gefängnis (wunderschön gelegen in mitten eines Waldstücks) und die Villen der KGB-Offiziere. Zwei davon gehören jetzt Günter Jauch. Putin hat dort seine zweifelhafte Ausbildung „genossen“.

Dann gab es noch eine Apfelbaum-Plantage mit sehr seltenen Apfelsorten. Zwischen den Apfelbäumen standen 20 kleine Steinhäuser, die – ganz im russischen Stil – mit Holz verkleidet waren – die Kolonie Alexandrowka. Hier lebten seit 1827 zwanzig russische Dichter, deren Lebensunterhalt komplett vom Regenten Friedrich Wilhelm III finanziert wurde. Damit hatte der Regent seinem Freund, dem russischen Zaren, nach dessen Tod ein lebendes Denkmal gesetzt. Eine sehr schöne Anlage. Die Häuser sind auch heute noch vermietet. Ein Nachkomme eines Dichters und auch der Oberbürgermeister von Potsdam wohnen dort.

Das Schloss Cecilienhof, ca. 1915 im englischen Tudorstil erbaut, liegt sehr idyllisch direkt am See und mitten im „Neuen Garten“. Heute ist das Anwesen ein Hotel.

Weiter ging’s wieder in die Stadt und zum Holländischen Viertel. Das sind ca. 150 Häuser im holländischen Stil – erbaut Mitte des 18. Jahrhunderts um holländische Handwerker und ihre Familien in die Stadt zu locken. Dort hat es mir so gut gefallen, dass ich spontan ausstiegt und umherlief. Es gibt viele kleine Lädchen – hauptsächlich Kunsthandwerk, aber auch viele kleine Gastronomien. Eine davon – das La Maison du Chocolat hatte es mir besonders angetan. Natürlich aß ich dort ein Stück der wunderschönen Torten.

Rosa Schrank im Schokolädchen

Dann suchte ich noch eine Buchhandlung, um Schatzi ein „Frauenbuch“ aus Potsdam mitzubringen. Und siehe da: Die Fraueninitiative Potsdam hatte einen kleinen Band berühmter Potsdamerinnen herausgegeben – ein Glücksfall.

Glücklich und sehr angetan von Potsdam fuhr ich dann zurück nach Berlin um Schatzi zu treffen. Es war sehr schade, dass wir diesen tollen Tag in Potsdam nicht zusammen erleben konnten. Mehrmals an diesem Tag hatte ich mich selbst für die Entscheidung nach Potsdam zu fahren beglückwünscht.