PLANEN FRAUEN ANDERS ? Genderaspekte in Stadtentwicklung und Stadtgestaltung Impulse für Frankfurt – heute und in Zukunft

Eine frauenpolitische Veranstaltung der GRÜNEN im Römer
Do. 10.06.2010, 17 bis 20 Uhr im Haus am Dom

Fragestellungen:

Was denken Frankfurterinnen zur Stadtgestaltung und Stadtentwicklung ?
Was ist Ihnen wichtig ?
Wie würden sie planen?
Wie kann eine stärkere Partizipation von Frauen in allen Bereichen von Stadtentwicklung erreicht werden ?
Wie erreichen wir eine frauenfreundlichere Infrastruktur ?

Moderatiorin war Ursula auf der Heide, frauenpolitische Sprecherin der GRÜNEN im Römer.
Sie erzählte u.a. davon, dass die Organisatorinnen mit diesem Thema selbst in ihrer eigenen Partei auf viel Widerstand gestoßen sind. Viele waren der Meinung, dass die Frauen- und Gender-Thematik doch längst „durch“ sei.

Zur Begrüßung sprach Jutta Ebeling, Grüne Bürgermeisterin und Dezernentin für Bildung und Frauen, Frankfurt.
Sie bezeichnete in ihrer Rede den öffentlichen Raum als „in Stein gehauenes Patriarchat“ und stellte fest, dass auch Frauen patriarchal bauen.
Sehr interessant war auch ihre Schildung der Präsentationen von Ausschreibungsbewerbern:
Architekten und Planer (nur Männer), die sich auf ein städtisches Bauvorhaben beworben haben, präsentieren ihre Entwürfe. Der Genderaspekt – obwohl formales obligatorisches Muss-Kriterium in allen städtischen Ausschreibungen – wurde nicht berücksichtigt. Auf die diesbezügliche Nachfrage erhält Frau Ebeling regelmäßig und fast ausnahmslos Reaktionen wie wegwerfende Handbewegung und ein „Ja, ja, das kriegen wir dann schon noch irgedwie hin“. Die Männer auf der städtischen Seite des Verhandlungstisches fragen nie nach Genderkriterien und unterstützen Frau Ebeling auch nicht bei ihren Nachfragen.

Eingeladen waren fünf Fachfrauen zu verschiedenen Themenbereichen:

Prof. Dr. Ing. Katharina Weresch
Professorin für Architektur-Soziologie und Gender Studies an der HafenCity-Universität Hamburg zum Thema „Wohnen“

Ellen Bommersheim
Geschäftsführerin KOMPASS Zentrum für Existenzgründungen Frankfurt
zum Thema „Wirtschaft“

Dr. Renate Ruhne

Professorin für Soziologie an der TU Darmstadt
zum Thema „Sicherheit“

Dipl. Ing Juliane Krause

Verkehrsplanerin Büro plan&rat, Braunschweig
zum Thema „Verkehr“

Diese Fachfrauen wurden „Impulsgeberinnen“ genannt – eine sehr interessante wie auch zutreffende Bezeichnung. Sie hielten je einen fünfminütigen Vortrag mit Präsentation zum jeweiligen Schwerpunkt-Thema. Die Zeit war für jede sehr knapp, reichte aber aus um einen ganz groben Überblick zu bekommen.

Danach wurden fünf Arbeitsgruppen zu den jeweiligen Themen angeboten. Die Impulsgeberinnen wurden von Gruppenmoderatorinnen bzw. Protokollantinnen unterstützt.

Hier ein Beispiel aus den Arbeitsgruppen:
Öffentlicher Raum

Die Impulsgeberin Frau Prof. Dr. Hottenträger erzählte, dass 35-40% Ihrer Studierenden Frauen seien und dass diese in der Regel innerhalb von sechs Monaten nach Abschluss des Studiums eine Festanstellung fänden. Die männlichen Studierenden seien meist auf Hoch- oder Tiefbau spezialisiert, hätten oft schon vor Abschluss des Studiums eine Festanstellung und bekämen meist das doppelte Gehalt wie Frauen des gleichen Studiengangs.

Die Impulsgeberin informierte die anwesenden Teilnehmerinnen über ein Projekt in Mannheim:
Studien haben ergeben, dass Mädchen nicht auf rechteckigen, umzäunten Bolzplätzen Ball spielen. Es wurde ein ovaler Bolzplatz ohne Umzäunung angelegt, den die Mädchen nun rege nutzen. Die rechteckige Form schließt aus und fördert Konkurrenz- und Leistungsdenken. Das mögen Mädchen nicht. Die ovale Form begünstigt ein ständiges Einbeziehen umstehender Mädchen und fördert die Teamorientierung.

Grundsätzlich erlauben diverse Studien zu Gender im öffentlichen Raum folgenden Rückschluss:
Je professioneller ein Projekt gestaltet und betreut wird, desto erfolgreicher ist es.
Will man also z.B. den Genderaspekt in ein Jugendfreizeitprojekt einbringen, ist es erforderlich, dass das Projekt professionell konzipiert und betreut wird.
Gegenbeispiel: Eltern kaufen Holz, bauen einen Spielplatz, betreuen die Kinder selbst. Der Erfolg von Genderarbeit ist unwahrscheinlich.

Es gibt Studien zum Thema „Was wünschen sich Seniorinnen im öffentlichen Raum ?“
Ältere Frauen sind stärker sinnes- und gemeinschaftsorientiert als Männer.
Sie wünschen sich Fitness-Parcours, Kneipanlagen, Minigolf, Boccia, angenehme Walking-Strecken, Meditation, Tai Chi und Tanzveranstaltungen.

Eine Teilnehmerin brachte einen Vorschlag ein, der sehr große Zustimmung fand:
Alle öffentlichen Einrichtungen werden von der Stadt Frankfurt verpflichtet, in ihren Jahresberichten konkret zu beschreiben, was sie in diesem Jahr für Frauen getan haben – so etwas wie ein „Frauen-Kataster“.

Nach den einstündigen Arbeitsgruppen kamen dann alle wieder zusammen und trugen ihre Ergebnisse vor. Daraus ergaben sich vielerlei Forderungen, Anregungen und Ideen.

Ein paar Beispiele:

Genderdifferenzierte Daten (um unterschiedliche Bedürfnisse von Männern und Frauen statistisch überhaupt feststellen zu können)
Frauen-Kataster (siehe Arbeitsgruppe „Öffentlicher Raum“)
Bessere Vernetzung von Fraueninitiativen
Beteilungsverfahren für Bürgerinnen (Zukunftswerkstätten)
„Stadt der kurzen Wege“
Begegnungsanregende Orte im öffentlichen Raum (Stichwort „mehr Gemeinschaft statt Isolation“)
Ein spezieller Park nur für Frauen

Zum Thema Sicherheit und angstfreie Räume für Frauen wurde vorgetragen, dass sich die weit überwiegende Mehrzahl von Gewaltdelikten gegen Frauen durchaus nicht im öffentlichen Raum sondern im familiären Umfeld ereignen. Dennoch wird Mädchen bis heute
vermittelt, dass ihnen im öffentlichen Raum Gewalt droht. Sie werden darauf konditioniert , im öffentlichen Raum -besonders nachts- Angst zu haben. Dem könne durch
spezielle betreute Nacht-Events an angstbesetzten Orten (B-Ebenen von U-Bahnstationen) oder durch erhöhte Helligkeit entgegen gewirkt werden.

Anmerkung der Blog-Schreiberinnen hierzu:
Bei dieser wohlmeinenden These wird vergessen, dass es nicht ausreicht, Mädchen und Frauen durch solche Maßnahmen zur Eroberung des öffentlichen Raums zu ermutigen. Mädchen und Frauen müssen auch angeregt werden, zu realisieren, dass Ihnen in ihrem sozialen Umfeld weit mehr Gefahr droht als im öffentlichen Raum. Der eine Aspekt muss mit dem anderen einhergehen. Solange Mädchen und Frauen nicht erkennen können bzw. wollen, dass Gewalt weit überwiegend aus ihrem sozialen Umfeld droht, solange werden sie sich nicht angstfrei in öffentlichem Raum bewegen können. Viele Frauen und Mädchen spüren vielleicht diffus die Gefahr, die Ihnen aus dem sozialen Umfeld droht.
Da es aber zu schwerwiegend und schmerzhaft wäre, dies zu realisieren, projizieren sie ihre
Angst auf den öffentlichen, anonymen Raum.

Alles in allem war es eine überaus gelungene und interessante Veranstaltung, die gut besucht und informationsreich war und geradezu nach Fortsetzung schreit.

Wir hoffen, dass die Veranstalterinnen Kosten und Mühen nicht scheuen, an diesem Thema dran zu bleiben.